Der Tag, an dem die Bomben fielen

Der 22. März 1945 ist ein Donnerstag. Ein ganz normaler Donnerstag. Bis die Flugzeuge kommen.
Bombe um Bombe werfen sie auf die Stadt. Wer nicht rechtzeitig einen Bunker erreicht und sich in Sicherheit bringt, lässt in Häusern und Gassen sein Leben.

Am Ende dieses Donnerstags ist ein großer Teil von Hildesheim zerstört.

Mehr

Die Operation 'Finnock'

Sir Robert Saundby, Flieger-General der englischen Streitkräfte, ist begeisterter Hobby-Angler. Er hat den deutschen Städten für diesen 22. März zur Tarnung des Einsatzes Fischnamen gegeben. Hildesheim ist der „Finnock“, der Schellfisch.

 

Rund 3500 Flugzeuge heben an diesem Tag in England ab, um das Deutsche Reich anzugreifen. 200 davon fliegen über Hildesheim. In sieben Wellen donnern die englisch-kanadischen Piloten anschließend über Hildesheim hinweg. „Ein leichter Trip“, soll einer der abfliegenden Piloten in seinem Bomber vermerkt haben. Und ein anderer fand: „It was a good show.“

 

Die rund fünf Kilometer hohe Rauchwolke, die über der zerstörten Stadt in den Frühlingshimmel aufsteigt, ist noch mehrere hundert Kilometer weiter zu sehen.

Während des Angriffs fallen

Tonnen Bomben auf Hildesheim.

Insgesamt fliegen

Lancaster-Maschinen den Angriff...

… der weniger als

Minuten dauert...

…und bei dem mehr als

Menschen sterben.

Zielpunkt 52092N 09571O

 

Hermann Meyer-Hartmann hat ein Buch über den Raum Hildesheim im Luftkrieg 1939-1945 geschrieben.

Hermann Meyer-Hartmann

So hat Hermann Meyer-Hartmann sein Buch über den Raum Hildesheim im Luftkrieg 1939-1945 genannt. Nach dem Krieg kommt der gebürtige Braunschweiger auf Umwegen nach Hildesheim. Dort arbeitet er für die Briten als „clerk“, als Angestellte der Armee, und dolmetscht, arbeitet im Telegrafenamt und koordiniert Kurierdienste. 1950 schägt Meyer-Hartmann einen anderen Weg ein. Er möchte Journalist werden.

Als Reporter und als HAZ-Chefredakteur pflegt er den Kontakt zu den Briten. Und er recherchiert jahrelang unter anderem im Bundesarchiv in Koblenz und in Archiven in London zu den Bombenangriffen von damals. „Der Angriff  war zu erwarten“, sagt der 86-Jährige im HAZ-Interview.

Der 22. März 1945

Die Suppe dampft, die Sirenen heulen

Der kleine Lothar ist glücklich. Sieben Jahre wird er heute alt, ein richtig großer Junge schon. Strahlend blau begrüßt ihn der Hildesheimer Himmel an diesem Morgen. Es ist der zweite Tag des Frühlings, doch es ist so warm, dass die Mutter den Jungs erlaubt, kurze Hosen und Kniestrümpfe anzuziehen. Lothar und seine Brüder jubeln.

Die Mutter ruft zum Mittagessen. Würziger Suppengeruch zieht durch die gemütliche Wohnung in der Teichstraße. Und am Nachmittag würde es noch den Kuchen geben. Eine Kekstorte, wie Lothar Griese drei Jahrzehnte später aus der Erinnerung heraus notieren wird. „Aus den letzten Resten zusammengebacken, aber mit Liebe“, wird fast 60 Jahre später Lothars älterer Bruder Rolf berichten.

Der Kuchen wird nie gegessen. Als die Suppe auf den Tellern dampft und die Familie sich in der Küche versammelt, heulen die Sirenen. Die Grieses funktionieren. Packen ein paar Habseligkeiten. Lothar schnappt sich ein Kissen für den elf Monate alten jüngsten Bruder Volker, nimmt den zwei Jahre jüngeren Bruder Udo an die Hand. Rolf, der älteste, trägt einen Rucksack. Zu spät, zum „Stamm-Bunker“ am Liebesgrund zu laufen. Ziel ist der Gewölbekeller des Andreanums am PvH. Rolfs spätere Frau Barbara, damals sechs Jahre alt, zittert indes mit ihrer Familie auf dem Galgenberg. Weil die kleine Schwester Keuchhusten hat, darf die Gruppe nicht in den Schutzstollen.

Die Osterstraßen-Jungs treffen sich 2005 in der HAZ- Redaktion wieder – und schwelgten über Kinderfotos aus den 40er Jahren in Erinnerungen.

Die Osterstraßen-Jungs treffen sich 2005 in der HAZ- Redaktion wieder – und schwelgen über Kinderfotos aus den 40er Jahren in Erinnerungen.

In der Osterstraße genießen andere Jungs den sonnigen Tag. Der siebenjährige Karl Scheide, nur „Kalli“ gerufen, und die Schmiedemeister-Söhne Günther und Erich Springmann. Günther ist das Idol der Osterstraßen-Kinder, er ist Vortrommler bei der Hitler-Jugend, ein toller Kerl. „Kalli“ und seine Freunde spielen Brummkreisel auf der kaum befahrenen Osterstraße, lauern Passanten mit der Feuerwehrspritze auf, sammeln Pferdeäpfel, rasen auf Rollschuhen übers Pflaster. „Wir hatten eine nette Kindheit“, sagt Karl Scheide fast 60 Jahre später. „Wir haben den Ernst der Lage nie begriffen.“ Sie vielleicht sogar genossen wie Franz-Wilhelm Schäfer: „Wenn der Hausmeister in der Schule Alarm klingelte, waren wir immer ganz froh.“

Das würde sich an diesem Tag ändern. Als der Alarm ertönt, eilt Erich Springmann mit Familie Scheide zum Andreanum, Günther folgt mit dem Fahrrad. „Unser eigener Keller wäre ein lebendiges Grab“, hatte Schmiedemeister Springmann den Söhnen eingeschärft.

Alle in den Gewölbekeller

Ein lebendiges Grab – das soll der Gewölbekeller des Andreanums nicht sein. Wo heute, 60 Jahre später, in „Alex“ und „J’s“ Party gemacht wird, hasten rund 200 Hildesheimer mit ihren Habseligkeiten die Stufen hinab. Elisabeth Brusch (damals Ebeling) und ihre Familie sind aus der Braunschweiger Straße geflüchtet. Die 13-Jährige hat das Bild einer Nachbarin vor Augen, die aus dem Schutt ihres Hauses kriecht. Das Bild einer Bekannten, die von ihrer Familie aus dem Ruhrgebiet nach Hildesheim geschickt wurde, weil die Rosenstadt als sicherer galt. Die junge Frau hat furchtbare Brandwunden.

Ihr Elternhaus in Oberhausen bleibt unversehrt. Elisabeth kommt in den Andreanums-Keller. „Die besten Plätze sind vergeben“, sagt jemand. Viele beten. Der kleine Kalli Scheide hält eine Windel fest umklammert. Die hat ihm seine Mutter gegeben, als Mundschutz gegen Staub und Hitze. Neben den Springmann-Kindern hat er sich in eine Nische verkrochen. Stille.

Elisabeth Brusch

Elisabeth Brusch

Aus einer Ecke plärrt der Volksempfänger. „Die Spitze des feindlichen Kampfverbandes…“ Ein dumpfer Schlag erschüttert das Gebäude. Und die Menschen. Noch einer. Das Licht flackert. Neben Elisabeth Brusch stürzt die Decke herunter. Die letzten Worte des Volksempfängers in der Einnerung von Rolf Griese: „Feindliche Bomber über Hildesheim.“ Dann geht das Radio in Flammen auf. Wieder ein dumpfer Schlag. Schutt rieselt von der Decke, Wasserrohre platzen. Rolf Griese und ein paar andere fallen von den Bänken, auf die sie sich kauern. Auch Karl Scheide und die Springmanns sitzen plötzlich im Nassen. Menschen schreien. Wasserrohre sind herabgestürzt und haben sie eingeklemmt. Etwas kriecht grünlich glimmend über den Kellerboden. Die Überlebenden sind bis heute sicher, dass die Alliierten Phosphor eingesetzt haben. Die Historiker widersprechen.

Auch an der Decke glüht plötzlich etwas. Es wird heiß. Die dritte Bombe, ganz nah. 31 Jahre später wird sich Lothar Griese, am Tag der Bombardierung sieben Jahre alt, erinnern, dass er „kein Gefühl ausgesprochener Angst“ hatte. Der Steppke spürt aber die Angst der Erwachsenen und wundert sich darüber. Der gleich alte Karl Scheide beißt zur selben Zeit vor Furcht ein großes Loch in die Windel. Er wird es erst später bemerken. Die Windel hat er noch heute.

Raus, raus, raus!

Wie der Luftschutzwart im Andreanum an jenem Tag heißt, weiß 60 Jahre später niemand mehr. Aber sein beruhigender Bass hat sich eingebrannt. Das Licht ist aus nach der dritten Bombe. Überall liegt Schutt. Türen und Treppen sind verschüttet. Doch die Überlebenden haben noch nach Jahrzehnten diese Stimme im Ohr: „Keine Panik, holt die Leute unter den Rohren raus!“, „Irgendeinen Ausgang finden wir schon.“ Und schließlich: „Der Notausgang ist frei.“ Da schlagen draußen an den Kellerfenstern bereits Flammen hoch. Die Männer sollen zuerst raus. Keiner weiß, was draußen los ist.

Rolf Griese

Rolf Griese

Der „Ausgang“ ist ein enges Toilettenfenster. Die Menschen drängen dorthin. Wer nicht gertenschlank ist, wird geschoben und gezogen. Kleider reißen. Fragt keiner nach. „Ich habe das Gefühl, dass wir über Gestürzte hinweg geklettert sind“, wird sich Günter Springmann 60 Jahre später erinnern. „Nur so ein Gefühl.“ Gewissheit gibt es nicht.

Draußen brennt die Luft. Hitze, unendliche Hitze. Rolf Griese rennt los. Ein Mann fängt ihn ein, bringt ihn zurück. Die Menschen, die aus dem Keller klettern, sehen Feuer, Feuer, Feuer. Die nahe Turnhalle, die Goetheschule – schwarze Löcher statt Fenstern und überall Flammen. Tageslicht? Eine schwarze Wolke hat den blauen Himmel verschluckt. Eine Woche wird vergehen, bis die Hildesheimer nachts wieder die Sterne sehen können.

Die Hitze ist überall. Bärbel Rehberg sieht entsetzt, wie Menschen auf dem Asphalt der Alfelder Straße kleben bleiben. Franz-Wilhelm Schäfer will am Abend über den Kalenberger Graben zurück in die Stadt, zum Haus in der Kaiserstraße, die zu jener Zeit „Straße der SA“ heißt. Die Hitze ist wie eine Wand, Schäfer macht kehrt, läuft zurück auf den Galgenberg und starrt auf das Flammenmeer.

Die Flucht vor dem „Atompilz“
Ein Blick zurück auf das zerstörte Hildesheim

Trümmer, so weit das Auge reicht. Hier der Pelizäusplatz in Hildesheim. Foto: Wetterau

Elisabeth Brusch schaut sich auf der Flucht in Richtung Einum noch einmal um: „Ich wusste damals nicht, was ein Atompilz ist. Aber im Nachhinein sah das genau so aus.“ Im fernen Lamspringe staunt die kleine Helga Weniger: Der Wind trägt Papierfetzen aus Hildesheim bis hierher.

Unter dem „Atompilz“ flüchten die Scheides, die Springmanns, die Grieses die Goslarsche Straße entlang nach Osten. Sedanstraße, Immengarten, weiter, weiter. Sie weichen Bombenkratern aus und verkohlten Leichen. Auf der Straße wanken Männer ohne Arme, mit nur einem Bein, mit Prothesen, mit entstellten Gesichtern, sie schreien. Die Goetheschule war ein Lazarett. Das Lazarett steht nicht mehr. Die halbe Innenstadt steht nicht mehr. Zehntausende haben Haus und Habe verloren.

Sie rennen nach Osten. Einum, Achtum. Als Elisabeth Bruschs Familie Schellerten erreicht, ist der Dorfladen schon leer gekauft. Es gibt nur noch Kommissbrot. Immerhin. Erich und Günter Springmann machen sich zu Fuß auf den Weg nach Kemme. Da wohnt ein Schulfreund. Erich Springmann setzt sich fast auf jeden Kilometerstein und sagt: „Ich kann nicht mehr.“ Es sind neun Kilometer. 14 Tage später werden sie ihre Eltern wieder sehen. Die haben sich in ihrer Gartenlaube in Bavenstedt eingerichtet. Das Haus in der Osterstraße steht nicht mehr. Die Familie findet nur noch einen Krater vor.

Auch die Grieses fliehen in Richtung Osten. An der Bahn werden sie aufgehalten. Herrenlose Güterwagen rollen vorbei. Ist Munition darin? Wieder Angst. Doch weiter. Am ersten Tag kommen sie bis Kemme, am zweiten finden sie in Bettrum Unterschlupf. Für Jahre. „Bei jedem Flugzeuggeräusch sind wir in den Keller gerannt“, erinnert sich Griese. „Die Dörfler haben uns Städter ausgelacht.

Andere zieht es nach Süden. Gerhard Brunotte, zehn Jahre alt, will mit seiner Familie per Trecker aus der Stadt fliehen. Sie haben sogar ein Ziel. Aber wo? „Kein Schwein wusste, wo Königsdahlum ist“, wird sich Brunotte 60 Jahre später erinnern. Und selbst dann noch nicht darüber schmunzeln. Er hat die Bombardierung im Liebesgrund-Stollen überlebt. Seine Mutter hat Verbrennungen erlitten. „Und der Gau-Befehlsstand lag sicher im Berghölzchen“, sagt Brunotte voller Verachtung.

Die Rückkehr
Mit der so genannten Trümmerbahn wurde der Schutt aus der Stadt transportiert.

Mit der so genannten Trümmerbahn wurde der Schutt aus der Stadt transportiert.

Barbara Griese hat mit Mutter und Geschwistern vom Galgenberg aus verfolgt, wie „die Amis ihre Christbäume setzen“. So sieht es aus, wenn die Bomber ihre Fracht abladen. Christbäume. Der Himmel wird schwarz. Viele Überlebende sagen bis heute „die Amis“. Dabei waren es Kanadier. Barbaras Mutter geht mit den Kindern zurück in die Stadt, als die Hitze es zulässt. An den Mauern der Jakobikirche kleben verkohlte Leichen. An den Galgen vor der Sparkasse hängt ein Dutzend Menschen. Sie haben absurd lange Hälse. Sie hängen da schon länger. Um den Rolandbrunnen sind weitere Leichen gestapelt. Barbara Griese erzählt 60 Jahre danach mit erstarrtem Gesicht. Sie sagt: „Mutter hat sich ewig Vorwürfe gemacht, dass sie mit uns kleinen Kindern dort entlang gegangen ist.“ Auch Günter Springmann sieht „Rollwagen, auf denen die Leichen gestapelt sind“. Helga Weniger und ihre Familie stehen vor den Trümmern des Mehrfamilienhauses am Friesenstieg. Zweimal pro Woche sind sie nach Lamspringe zu den Großeltern gewandert, 30 Kilometer mit dem Bollerwagen. Sie sind nicht zu Hause gewesen, als die Bomben fielen. Der Nachbar schon. Helga Weniger erkennt die zusammengeschrumpfte und verkohlte Leiche nur an den grünen Stulpen. Geschirr liegt herum. In die Teller haben sich Blutspritzer eingebrannt. Sie gehen nie wieder raus.

Von Tarek Abu Ajamieh.
Dieser Text ist am 22. März 2005 in der gedruckten Ausgabe der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung erschienen.

Das Huckup-Denkmal, blieb am 22. März 1945 im Wesentlichen verschont. Foto: Wetterau

Das Huckup-Denkmal, blieb am 22. März 1945 im Wesentlichen verschont. Foto: Archiv Autobahnpolizei

Der Marktplatz in Hildesheim. Das Knochenhauer Amtshaus wurde total zerstört. Bürger bergen die Toten. Foto: Archiv Autobahnpolizei

Der Marktplatz in Hildesheim. Das Knochenhauer Amtshaus wurde total zerstört. Bürger bergen die Toten. Foto: Archiv Autobahnpolizei

Links im Bild sieht man noch den hinteren Teil der Andreaskirche, rechts im Vordergrund liegen schon die Gleise der Trümmerbahn. Foto: Theo Wetterau

Links im Bild sieht man noch den hinteren Teil der Andreaskirche, rechts im Vordergrund liegen schon die Gleise der Trümmerbahn. Foto: Theo Wetterau

Der Blick vom Pelizäus-Platz in Richtung Andreas-Kirche. Im Vordergrund steht eine Normaluhr, die als Orientierungshilfe für Autofahrer galt. Foto: Theo Wetterau

Der Blick vom Pelizaeus-Platz in Richtung Andreas-Kirche. Im Vordergrund steht eine Normaluhr, die als Orientierungshilfe für Autofahrer galt. Foto: Theo Wetterau

 

Wieder Pelizäus-Platz, diesmal der Blick in die andere Richtung. Links zu sehen wieder die Normaluhr. Der Fotograf steht in der Kreuzstraße, links neben ihm steht heute das Gebäude des Josephinums. Foto: Theo Wetterau

Wieder Pelizaeus-Platz, diesmal der Blick in die andere Richtung. Links zu sehen wieder die Normaluhr. Der Fotograf steht in der Kreuzstraße, links neben ihm steht heute das Gebäude des Josephinums. Foto: Theo Wetterau

Ein Blick aufs Rathaus. Rechts danaeben am Tempelhaus wird schon wieder gebaut. Foto: Theo Wetterau

Ein Blick aufs Rathaus. Rechts danaeben am Tempelhaus wird schon wieder gebaut. Foto: Theo Wetterau

Am damaligen Potsdamer Platz kreuzen sich heute Almsstraße und Kaiserstraße. Links im Bild die ehemalige Bahnhofsapotheke. Über das große Loch fahren heute Autos. Foto: Theo Wetterau

Am damaligen Potsdamer Platz kreuzen sich heute Almsstraße und Kaiserstraße. Links im Bild die ehemalige Bahnhofsapotheke. Über das große Loch fahren heute Autos. Foto: Theo Wetterau

Der Blick vom Andreasturm in Richtung Kreuzkirche vorne rechts. Im Hintergrund sieht man auch noch St. Lamberti in der Neustadt. Foto: Theo Wetterau

Der Blick vom Andreasturm in Richtung Kreuzkirche vorne rechts. Im Hintergrund sieht man auch noch St. Lamberti in der Neustadt. Foto: Theo Wetterau

 

Der Blick vom Andreasturm in Richtung Westen: In der Bildmitte der Kirchturm von St. Michael und im Hintergrund rechts die Schornsteine des damaligen Industriegebiets rund um Senking. Foto: Theo Wetterau

Der Blick vom Andreasturm in Richtung Westen: In der Bildmitte der Kirchturm von St. Michael und im Hintergrund rechts die Schornsteine des damaligen Industriegebiets rund um Senking. Foto: Theo Wetterau

Eine lange unversehrte Straße (Kläperhagen und Im Brühl) und viele zerstörte Häuser. Die Straße nach links ist die Kreuzstraße und im Hintergrund sieht man die Türme der Godehardi-Kirche. Foto: Theo Wetterau

Eine lange unversehrte Straße (Kläperhagen und Im Brühl) und viele zerstörte Häuser. Die Straße nach links ist die Kreuzstraße und im Hintergrund sieht man die Türme der Godehardi-Kirche. Foto: Theo Wetterau

Weitere Bombenangriffe

Das zerstörte Hildesheim

Ein Schwarz-Weiß-Video von Hildesheim nach einem der ersten Bombenangriffe im Juli 1944.

Wenn von den verheerenden Bombenangriffen auf Hildesheim die Rede ist, denken die meisten Menschen an den 22. März 1945. Dabei klinkten schon mehrmals zuvor alliierte Bomber ihre tödliche Fracht über der Stadt aus.  Dieses Video zeigt Hildesheim nach den ersten Angriffen im Sommer 1944.

Mama, ich will noch nicht sterben!

Karl Dieter Wiennecke hat am 22. Februar 1945 zum ersten Mal Angst um sein Leben.

Auch am 22. Februar 1945 fielen Bomben auf die Stadt. Damals wollten die Alliierten vor allem den Verschiebebahnhof treffen, zerstörten aber gleichzeitig einen großen Teil der Neustadt. Dort lebte zu dieser Zeit auch der damals zehnjährige Karl Dieter Wiennecke. Er überlebte und sah zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben einen Toten. Es war sein Freund Manfred.

Zeitzeugen

Edeltraud Seifert hat den Bombenangriff als ganz kleines Kind miterlebt. In ihrem Haus am Alten Markt sind Menschen umgekommen.

Henning Schindlers Großeltern sind in der Wollenweberstraße ums Leben gekommen. Die Menschen waren verbrannt, die Leichen waren nur so groß wie Kinder.

Auch Margret und Fritz Kiel haben damals die Toten liegen sehen. Sie erinnern sich, als wäre es erst gestern gewesen. Die Ereignisse von damals berühren sie noch heute.

Mit ihrer jüngeren Schwester Irene und ihrer Großmutter sitzt Herta Renner damals im Gewölbekeller
des Kurzwaren-Großhandels „Koch & Grethe“ in der Osterstraße und betet das Vater Unser. Sie flüchteten später zu Fuß nach Einum.

Eigentlich wollte Hildegard Tuschik am 22. März 1945 ihren 16. Geburtstag feiern. Stattdessen stand sie nachmittags zusammen mit einer Freundin auf dem Galgenberg und blickte auf ein Hildesheim, dessen Gebäude zu einem Großteil nicht mehr existierten.

Bereits nach den ersten Angriffen auf Hildesheim, wollte ihr Vater Maria Miesner und seine Familie in Sicherheit bringen. Er hatte einen Lastwagen für den Transport bestellt: Termin 23. März. Doch der Termin muss einen Tag vorverlegt werden, sonst hätte das Fahrzeug nicht zur Verfügung gestanden. Als die Familie in Marienburg war, hörte sie die Sirenen.

Karl Scheide überlebte den Angriff auch dank einer Windel. Mit Wasser getränkt ist sie damals eine provisorische Gasmaske. Scheide bewahrt die Baumwoll-Windel bis heute auf.

22 März 1945
Ausgebombt!
Schön, sonnig
Alarm 11.45 Uhr (dreiviertel zwölf) bis 13 Uhr.
1.45 Uhr (dreiviertel zwei) bis 2 Uhr starker Angriff.
Alles kaputt!
bis 6 Uhr, unterwegs nach Ina –
– Hennesche Wohnung –

Alexander Moeser lebte von 1878 bis 1947. Er nutzte seinen Kalender als Kurz-Tagebuch. Moeser war  so ordentlich und zuverlässig, dass er trotzdem jeden Tag das für ihn Wichtigste aufschrieb – auch am 22. März.

Zum Vergrößern auf das Bild klicken/tippen

Heinz-Wilhelm Gramann ist 1933 geboren und  im hinteren Brühl Nr. 25 gegenüber der Stadthalle aufgewachsen. Sein Luftschutzkeller war der Gewölbekeller unter der Kirche des Priesterseminars, dessen Eingang eine Luftmine verschüttet hatte. In dem Kellerteil flog allerdings die schwere Stahltür aus der Verankerung mitten in unseren Kellerraum, sodass wir später über den Gartenhof ins Freie gelangten. Eine Wolldecke wurde uns über den Kopf gelegt, da immer brennende Teile vom Kirchturm herunterfielen.

Total ausgebobt Marie und Klaus tot Wilma

 

Dieses Telegramm erreicht Oberfeldwebel Anton Marheinke an der Ostfront – allerdings erst Tage nach der Zerstörung Hildesheims. Eine einzige Zeile, die sein Leben veränderte. Der Rechtschreibfehler “ausgebobt” ist auf dem Telegramm noch in “ausgebombt” korrigiert.

Zum Vergrößern auf das Bild klicken/tippen

Franz Karl Diestel erinnert sich an den 22. März 1945, den wohl schrecklichste Fliegerangriff auf Hildesheim: „Fast die ganze Stadt wurde in Schutt und Asche gelegt. Auch das Haus unserer Pension in der Kleinen Venedig wurde schwer getroffen. Das war das Ende unserer Pension. Frau Dczikowski musste die Pension schließen. Aber auch gesundheitlich wäre sie nicht mehr in der Lage gewesen, die Schüler-Pension weiter zu führen.

Am 22. März 1945, war das Gebäude der  Scharnhorstschule vom Dammtor bereits zerstört worden. Wir hatten unseren Unterricht in Räumen des Andreanum in der Goslarschen Straße, wo heute das Sozialamt steht. Als der Alarm ertönte, lief ich vom Andreanum schnell in die Schwemannstraße zu meinem Onkel Robert Vollmer. Er hatte seine Zahnarztpraxis und Wohnung dort. Doch Onkel Robert wollte an diesem Tage nicht in seinen mit Balken abgestützten Sicherheitskeller, weil ein besonders schwerer Luftangriff auf Hildesheim angekündigt worden war. So liefen wir eiligst in den großen Erdbunker in den Wallanlagen hinter dem Kehrwiederturm.

Das war unsere Rettung.

Wir konnten die Druckwelle und die enorm starken Erschütterungen durch den Bombenhagel auch im Bunker miterleben. Wir waren wie erstarrt von den Druckwellen, die über den Wall hinweg gingen. Zum Glück fielen hier keine Bomben. So blieb auch die Keßlerstraße mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern bis auf einige Brandschäden teilweise verschont.

Franz Karl Diestel, geb. Franz Hartmann, als Achtjähriger im Jahr 1941

Als wir nach der Entwarnung in das Haus in der Schwemannstraße zurückkehrten, erwartete uns eine ganz schreckliche Überraschung. Wir sahen schon in der Wollenweberstraße die zahlreichen Häuserschäden von Brand- und Sprengbomben. Das Haus meines Onkels war durch eine Sprengbombe getroffen worden. Sie hatte besonders den scheinbar sichersten Raum im Haus getroffen. Die Stützbalken waren wir Streichhölzer zusammen gebrochen. Auch das Gebäude des Andreanum war in Schutt und Asche gelegt worden.

Bei allem Unglück waren wir sehr froh, dass wir an diesem Tage in den Bunker und nicht in den Keller gegangen waren. Meine Verwandten hatten all‘ ihre Habe verloren. Sie lebten danach für einige Zeit bei Verwandten in Barienrode.

Obwohl dies Geschehen nunmehr 72 Jahre zurückliegt, habe ich diese schrecklichen Erlebnisse und Bilder immer noch vor Augen. Ich bin froh, dass wir im Vereinigten Europa leben können und uns dadurch weitere schreckliche kriegerische Auseinandersetzungen erspart geblieben sind und hoffentlich auch bleiben. Dazu kann uns nur die EU verhelfen.“

%

der Geschäftshäuser und öffentlichen Gebäude sind zerstört

%

der Handwerksbetriebe sind zerstört

%

der Industrieanlagen sind zerstört

Share This