HAZ-Serie: Fit & Gesund

Was tun bei Neurodermitis oder Akne? Was ist rund um die Geburt zu beachten? Und wie wirksam sind alternative Heilmethoden?

Die HAZ beantwortet in der Serie „Fit & Gesund“ nach und nach die wichtigsten Fragen aus zwölf verschiedenen Themengebieten rund um Ihre Gesundheit.

 

 

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Bluthochdruck

Minuten nach der ersten Messung sollte erneut gemessen werden.

von vier Menschen zwischen 70-79 Jahren haben Bluthochdruck.

Wann wird Bluthochdruck zur Gefahr?

Ist der Blutdruck ständig zu hoch, belastet das den Körper. Oft werden die Symptome aber erst spät erkannt.  Die USA senkten die Grenzwerte für Bluthochdruck ab, wodurch nun 35 Millionen Amerikaner mehr als zuvor daran leiden. Deutschland hält an den gängigen Werten fest. (Foto: iStock)

 

Von Irene Habich

Von Bluthochdruck spricht man dann, wenn der Druck in den Gefäßen des Körpers erhöht ist, der medizinische Fachbegriff dafür lautet Hypertonie. Ist der Blutdruck ständig zu hoch, belastet das den Körper, schädigt Gefäße und Organe. Dadurch erhöht sich das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzschwäche und Nierenleiden. Manchmal wird Bluthochdruck durch eine Krankheit ausgelöst – so kann ihn eine Überfunktion der Schilddrüse in die Höhe treiben. Bei fast 90 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck ist die genaue Ursache aber unklar, nur Risikofaktoren sind bekannt. Eine Neigung dazu ist häufig erblich bedingt, Übergewicht, salzreiches Essen, Alkohol, Rauchen und Stress können den Blutdruck zusätzlich erhöhen. Auch steigt er in der Regel mit dem Alter an. Dass Bluthochdruck heute als Volkskrankheit gilt, liegt auch daran, dass es immer mehr ältere Menschen gibt.

Um den Blutdruck zu messen, werden mit einem Messgerät zwei Werte bestimmt: Der erste Wert steht für den sogenannten systolischen Blutdruck. Er herrscht in dem Moment in den Gefäßen, in dem der Herzmuskel sich zusammenzieht, und Blut durch den Körper pumpt. Der zweite Wert steht für den diastolischen Blutdruck: Er wird gemessen, wenn der Herzmuskel sich zwischen zwei Schlägen entspannt.

In Deutschland gilt der Blutdruck bislang als erhöht, wenn er beim mehrmaligen Messen die Werte 140 zu 90 mmHg überschreitet. In den USA wurde der Wert nun auf 130 zu 80 mmHg gesenkt. Was halten deutsche Ärzte davon?

„Die Amerikaner sind da etwas extrem, in Deutschland sehen wir das gelassener. Ich denke, dass wir mit den 140 mmHg einen gute Grenzwert haben“, sagt Dietrich Baumgart. Der Professor und ehemalige Leiter des Herzkatheterlabors des Universitätsklinikums Essen betreibt heute eine kardiologische Praxis. „Anstatt die Grenzwerte immer weiter zu senken, sollte man versuchen, Bluthochdruck besser zu erkennen“, findet Baumgart. „Denn viele, die nach den heutigen Maßstäben daran leiden, werden noch gar nicht behandelt.“ US-Studie zur Werteabsenkung gilt als unzuverlässig

Das Problem: Hoher Blutdruck kann zwar verschiedene Symptome auslösen wie Nervosität, Schlafprobleme, Schwindel, Herzklopfen und Kopfschmerzen. Doch viele Menschen merken  gar nicht, dass sie darunter leiden. „Das Tückische am Bluthochdruck ist, dass er erst einmal nicht wehtut“, sagt Baumgart. „Trotzdem erhöht er das Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt.“ Ein Screening würde daher laut Baumgart eher helfen als tiefere Grenzwerte.

Dass eine weitere Absenkung der Grenzwerte sinnvoll ist, bezweifeln auch andere Experten. Auf einem europäischen Kardiologenkongress war die Entscheidung der US-Mediziner kritisiert worden. Die Amerikaner hatten sich auf eine Studie berufen, wonach eine Absenkung der Werte Leben retten könnte. Doch diese Studie gilt als methodisch nicht sauber. Und sie steht im Widerspruch zu einer Analyse des allgemein anerkannten unabhängigen Cochrane-Instituts von 2012. Eine weitere Absenkung der Blutdruckwerte hätte demnach keinen Vorteil. Befürchtet wird nun, dass Millionen von Menschen unnötigerweise blutdrucksenkende Mitte verschrieben werden.

Kardiologe Baumgart meint, dass viele Kollegen schon heute zu früh den Rezeptblock zücken, wenn es um die Behandlung von Bluthochdruck geht. „Je höher die verordnete Dosis von Medikamenten ist, desto stärker fallen die Nebenwirkungen aus“, gibt er zu bedenken. So könne die Einnahme von Betablockern nicht bloß dauerhaft müde machen.


Hildesheimer Studie belegt: Beim Herzinfarkt kann jede Minute entscheidend sein

Professor Karl Heinrich Scholz ist ein Lebensretter. Als Herzspezialist sowieso. Jetzt hat der Hildesheimer Chefarzt eine Studie veröffentlicht, die zahlreiche Menschenleben retten könnte.

 

Von Sebastian Knoppik

Der Zusammenbruch passiert mitten in der Andreas-Passage. Ein Mann erleidet einen Herzinfarkt. Der Notarzt ist auch schnell zur Stelle. Und das Bernward-Krankenhaus (BK) ist nur gut 600 Meter entfernt. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine schnelle Behandlung – sollte man meinen.

Doch weit gefehlt, wie BK-Chefarzt  Professor Karl Heinrich Scholz  erklärt: „Je näher man an einem Krankenhaus ist, desto schwieriger ist es, schnell behandelt zu werden.“ Was erstmal paradox klingt, ist tatsächlich ein großes Problem in vielen Kliniken in Deutschland.

Wenn es nämlich nicht genug Vorlauf im Krankenhaus gibt, kann es passieren, dass der Herzinfarkt-Patient erstmal in der Notaufnahme landet und wertvolle Zeit verloren geht. Dabei zählt bei einem Herzinfarkt jede Minute. Das wissen nicht nur Herzspezialisten schon seit vielen Jahren. Bei einem Infarkt ist meist ein Herzkranzgefäß verschlossen. Der Herzmuskel wird daher nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Es besteht also akute Lebensgefahr.

Schnell muss daher im sogenannten Katheter-Labor die Herzarterie geweitet werden. Die Studie, die Scholz nun zusammen mit Kollegen veröffentlicht hat, zeigt erstmals, wie hoch der Einfluss des Faktors  Zeit auf die Sterblichkeit der Patienten tatsächlich ist und welche Einflussfaktoren dabei eine Rolle spielen. „Das hat noch nie jemand vorher untersucht“, berichtet Scholz.

Seine Erkenntnisse sind gerade im „European Heart Journal“ erschienen. Die Veröffentlichung in der renommierten Fachzeitschrift ist für Scholz auch deswegen ein wichtiger Schritt, weil die Studie das Ergebnis von jahrelangen Forschungen  in einem Verbund von 48 deutschen Kliniken ist, darunter auch die in Alfeld und Gronau. Die Daten von mehr als 20 000 Patienten sind in die Untersuchung eingeflossen.

Besonders hoch ist die Sterblichkeit laut Studie bei den Patienten, die reanimiert werden mussten und die einen sogenannten kardiogenen Schock haben, der sich unter anderem durch extrem niedrigen Blutdruck äußert. Diese Patientengruppe stirbt mit einer Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent im Krankenhaus.

Ähnlich hoch ist die Wahrscheinlichkeit bei Patienten, die einen Schock haben, aber nicht reanimiert werden mussten. Hier liegt die Todeswahrscheinlichkeit immerhin noch bei 39 Prozent. Deutlich günstiger hingegen ist die Prognose bei Herzinfarktpatienten, die keinen Schock hatten. 84 Prozent überlebten, selbst wenn zuvor eine Wiederbelebung notwendig war. Wenn keine Wiederbelebung erforderlich war, lag die Überlebenschance sogar bei 97 Prozent.

Verzögert sich die Behandlung von Patienten mit kardiogenem Schock ohne Wiederbelebung nur um zehn Minuten, kommt es in dieser Gruppe zu mehr als drei zusätzlichen Todesfällen pro 100 Patienten.

Scholz hat herausgefunden, dass etwa ein Elektrokardiogramm (EKG), das schon vor der Einlieferung ins Krankenhaus geschrieben wird, eine deutliche Verkürzung der Zeit bis zur Behandlung bringt. Das gleiche gilt für die vorherige Ankündigung des Patienten per Telefon. Am meisten Zeit (33 Minuten) gewinnt man aber, wenn der Patient direkt ins Katheter-Labor gebracht wird.

Das Bernward-Krankenhaus hat im Herzinfarktnetz Hildesheim-Leinebergland seine Abläufe bei der Versorgung schon vor Jahren verbessert. Um 53 Minuten wurde die Zeit in den vergangenen Jahren verkürzt, bis Herzinfarkt-Patienten nach dem ersten Kontakt mit dem Rettungsdienst im Katheter-Labor behandelt werden.

Schließlich ist das Krankenhaus Vorreiter bei dem Thema. Chefarzt Scholz hat bereits 2007 einen Verbund von sechs großen deutschen Kliniken gegründet, die seitdem regelmäßig nach Hildesheimer Vorbild ihre Daten erfassen und ihre Abläufe verbessern. Inzwischen ist der Verbund auf die 48 Krankenhäuser angewachsen, die jetzt die Datenbasis für die Studie lieferten.

Seine Forschung will Kardiologe Scholz nun weiter fortsetzen.  Denn die Sache ist ihm enorm wichtig. „Wir sprechen nicht über Kleinigkeiten“, sagt der Mediziner: „Es geht um Menschenleben.“

Haut

Die Haut, das sind die zwei wichtigsten Quadratmeter Ihres Lebens.

Berufsverband der Deutschen Dermatologen

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der Bevölkerung bekommen im Laufe des Lebens Akne – in unterschiedlich starker Ausprägung. Etwa 60 Prozent der Jugendlichen leiden an Mittessern und Pickeln.

Tipps bei Akne

UV-Licht meiden

Bei unreiner Haut ab in die Sonne oder unter das Solarium – ein Mythos. „Dabei wissen wir heute, dass UV-Licht die Akne sogar ursächlich fördert“, sagt Christian Kors, Facharzt für Dermatologie in Berlin.

Nicht täglich Peelen

Vorsicht geboten ist bei Reinigungsprodukten, insbesondere wenn sie Peelingpartikel beinhalten. „So was sollte man keinesfalls täglich, maximal einmal pro Woche anwenden, um den natürlichen Schutz der Haut nicht zu zerstören“, sagt Kors.

Produkte mit Salicylsäure benutzen

Längst nicht jedes vermeintliche Wundermittel eignet sich für die Behandlung entzündeter Mitesser. Produkte mit Salicylsäure hingegen haben sich als effektiv erwiesen und helfen, Mitesser „aufzulösen“. Zudem helfen neuere Präparate auf der Basis von Vitamin-A-Säure. Nur noch selten kommen Antibiotikacremes zum Einsatz.

Keine Pickel ausdrücken

Patienten wird empfohlen einen Hautarzt zu konsultieren, bevor man selbst Hand anlegt. Kors Credo: „Nie Pickel ausdrücken, Finger weg.“

Eine Hautsache

Der Wunsch nach einer schönen Hülle ist groß. Doch viele Menschen leiden unter Neurodermitis oder Akne – oder sorgen sich vor Hautkrebs. Ärzte sagen, worauf man achten sollte. (Foto: istock)

Von Mario Moers

Auf der anderen Seite belasten Hautkrankheiten einen großen Teil der Bevölkerung. Drei bis vier Millionen Menschen leben in Deutschland mit dem atopischen Ekzem, auch Neurodermitis genannt, und zwei Millionen Menschen mit Schuppenflechte. Seit der Einführung eines kostenlosen Früherkennung-Screenings vor zehn Jahren stellen Ärzte jährlich rund 290 000-mal die Diagnose Hautkrebs. Mit der wohl bekanntesten Hauterkrankung, der Akne, machen sogar 85 Prozent der deutschen Bevölkerung unliebsame Bekanntschaft. Fortschritte in Forschung, Früherkennung und Therapie helfen Millionen Menschen beim Umgang mit Hautkrankheiten, die oft die Psyche und das Sozialleben belasten.

Dupilumab ist der Name eines Antikörpers, der seit Kurzem Neurodermitis-Patienten Hoffnung macht. Seit 1. Dezember ist das hochpreisige Medikament (bis zu 25 000 Euro pro Patient und Jahr) in Deutschland zugelassen. „Für Erwachsene mit mittlerer bis schwerer Neurodermitis stellt der Wirkstoff ein völlig neues Medikament zur innerlichen Behandlung dar“, erklärt Peter Weisenseel, Facharzt für Dermatologie und Allergologie am Dermatologikum Hamburg. Als sogenanntes Biologikum schränken die Antikörper entzündungsfördernde Botenstoffe ein. Das chronische Jucken und das Kratzen der Haut, unter dem Neurodermitis-Patienten leiden, werden durch eine fehlgeleitete Entzündungsreaktion des Immunsystems hervorgerufen.

In Studien sprach etwa ein Drittel der Patienten „sehr gut“ auf die neuartige Therapie an. „Bei vielen weiteren kommt es zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome“, sagt Weisenseel. Bereits seit einigen Jahren wird der Wirkstoff erfolgreich in der Behandlung von Rheuma und Schuppenflechte verwendet. Bei Neurodermitis hat es länger gedauert, die entscheidenden Botenstoffe zu identifizieren. Krankenkassen übernehmen die extrem hohen Kosten, „wenn die Therapie angezeigt ist“, so Weisenseel. Die Pharmaindustrie arbeitet mit Hochdruck an weiteren Medikamenten mit vergleichbarer Wirkungsweise. Zwei weitere Antikörper könnten voraussichtlich in ein bis zwei Jahren bis zur Marktreife entwickelt sein, schätzt der Fachmann.

Bereits in Kürze wird ein neuer Wirkstoff zugelassen, der Schübe verhindern kann oder zumindest die Intervalle dazwischen verlängert. Crisaborol wird als Creme auf die Haut aufgetragen und ist in den USA bereits erprobt.

Die Gründe, weshalb immer mehr Menschen in den Industrienationen unter Neurodermitis leiden, bleiben derweil weiter unklar. Diskutiert werden Umweltfaktoren wie Feinstaub, übertriebene Hygiene, Stress, kalkhaltiges Wasser, Ernährungsgewohnheiten, Freizeitverhalten oder sogar die Geburt per Kaiserschnitt.

Ein weiteres wichtiges Thema in der Dermatologie ist Hautkrebs und dessen Früherkennung. Bei dieser Untersuchung wird erst die Kopfhaut begutachtet, dann im Mund und unter den Lidern nachgesehen, dann geht es runter bis zu den Zehenzwischenräumen. Sieben bis acht Minuten braucht ein erfahrener Dermatologe für diese Früherkennung. Wer über 35 Jahre alt ist, kann sich alle zwei Jahre vorsorglich untersuchen lassen. Die Kosten für die sogenannten Screenings übernehmen dann die Krankenkassen.

Seit zehn Jahren gibt es für diese Vorsorge in Deutschland ein flächendeckendes Programm, für das Berufsverbände der Hautärzte lange gekämpft haben. Bereits ein Jahr nach der Einführung 2008 konstatierte der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen einen „sprunghaften Anstieg“ der entdeckten Fälle von schwarzem Hautkrebs. Etwa 30 Prozent der angesprochenen Bevölkerung nimmt seitdem das Screening-Angebot in Anspruch. 36 441 bösartige Melanome wurden 2014 entdeckt; diese Zahl ist seitdem mehr oder weniger konstant. Vor den Screenings lag die Fallzahl etwa 20 Prozent niedriger.

Eckhard W. Breitbart, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention, beurteilt das Programm deshalb als Erfolg – mit Luft nach oben. „Das Screening leistet genau, wozu es gedacht ist: die unentdeckten Fälle ans Tageslicht zu holen“, sagt er. Nicht bloß Dermatologen, sondern auch entsprechend ausgebildete Hausärzte führen die Untersuchung durch. „Das geschulte bloße Auge ist dabei das wichtigste Instrument“, sagt Breitbart. Findet der Arzt eine besorgniserregende Stelle,  entnimmt er eine Hautprobe, um den Verdacht zu klären. Bei etwa einem Prozent der Untersuchten kommt es zu einem positiven Befund auf Hautkrebs.

Dass die Screenings helfen, Hautkrebs zu entdecken, ist unbestritten. Nicht belegt sind jedoch die Auswirkungen auf den weiteren Therapieverlauf und die Sterblichkeitsrate, die bei Hautkrebs deutlich geringer ist als bei anderen Krebsarten. Die Wahrscheinlichkeit, die ersten zehn Jahre nach der Diagnose zu überleben, liegt, laut einer Untersuchung von 2014, bei 94 Prozent. Kritiker hingegen meinen, dass von dieser Vorsorge vor allem Ärzte profitieren. Die hohe Zahl entdeckter Hautkrebsfälle berge außerdem die Gefahr, dass viele Menschen zu Krebspatienten werden, deren Erkrankung verhältnismäßig leicht therapierbar seien.

„Es gibt Dermatologen, die bis zu einem Drittel ihres Umsatzes mit den Untersuchungen verdienen“, sagt Breitbart. Dennoch hält er die Kritik für verfehlt. Die unbewiesene langfristige Effektivität sei kein Beweis für einen Fehler des Programms. „Wir müssen die Dokumentation verbessern und die Screenings weiter bewerben, damit auch die Zahl der Untersuchungen steigt“, sagt Breitbart.

Eine andere Form der Vorsorge ist die Selbstbeobachtung. Hautveränderungen am eigenen Körper zu erkennen gilt als wichtigste Hilfe zur Früherkennung. Mit der sogenannten ABCDE-Regel existiert seit vielen Jahren eine einfache Anleitung für die Selbstbeobachtung. Dabei weisen Experten jedoch zunehmend auf Grenzen dieser Methode hin. „Die ABCDE-Regel kann für gewisse Menschen eine Hilfe sein, um Hautveränderungen festzustellen, ist aber keine geeignete Methode für eine systematische Selbstuntersuchung“, so Peter Ackermann, Sprecher der Schweizer Krebsliga.

Das ungeschulte Auge des Laien hat eine deutlich reduzierte „Trefferquote“ gegenüber dem Fachmann. „Es werden viele falsch positive Resultate erreicht und gleichzeitig viele Melanome übersehen“, so Ackermann. Präventionsexperte Breitbart hält die Anleitung dennoch für hilfreich, um ein Bewusstsein für die eigene Haut zu schaffen: „Es ist gut, seine Haut zu kennen und wachsam für Veränderungen zu sein. Zur Beurteilung eines Pigmentmals ist die ABCDE-Regel als grobes Instrument sicher hilfreich, ersetzt allerdings niemals die Inspektion durch einen Arzt.“

Wer auffällige Stellen entdeckt, sollte ein Screening in Anspruch nehmen.

 


„Die Haut vergisst nie“: Die Spätfolgen des Braune-Körper-Kultes

Seit 45 Jahren betreibt die Familie Röhrig eine Hautarzt-Praxis in Hildesheim. Was hat sich geändert, womit haben es Ina Röhrig und ihr Mann Holger Petering heute vor allem zu tun?

Von Rainer Breda

Holger Petering kann sich noch gut an die Werbung erinnern: „Delial bräunt ideal“ hieß es Anfang der 1970er-Jahre. Es war die Zeit, als die Körperbräune der Gradmesser für einen gelungenen Sommer war. „Und in der die Sonnenschutzmittel aus heutiger Sicht eher Pflegecremes entsprachen.“ Die Folgen bekommt der Hildesheimer Dermatologe heute täglich in seiner Praxis zu sehen, die er seit mehr als einem Jahrzehnt in der Andreas-Passage mit seiner Frau Ina Röhrig betreibt.

Deren Eltern hatten sich 1973 als Hautärzte in Hildesheim niedergelassen. Zunächst in der Scheelenstraße, später am Bahnhof, wo sie 30 Jahre praktizierten. Doch während es die Röhrigs damals „mit der ganzen Bandbreite von Hautentzündungen“ zu tun hatten, wie Petering aus Erzählungen der Schwiegereltern weiß, müssen sich er, seine Frau und Praxis-Partnerin Maribel Müller vor allem mit Hautkrebs befassen: 8,3 Prozent aller Erkrankten, die im niedersächsischen Krebsregister aufgeführt sind, werden in den Räumen in der Andreas-Passage behandelt. „Ein großer Anteil“, sagt Petering.

Er erklärt dies vor allem mit der entsprechenden Ausbildung der drei Ärzte: Sowohl er, seine Frau als auch Müller haben ihr Handwerk in der Medizinischen Hochschule gelernt, lange in der MHH gearbeitet und dort viel über das Operieren von Hautkrebs gelernt. Dass dessen Fallzahlen zunehmend steigen, hat zum einen mit dem Freizeitverhalten in den 1970er-Jahren, aber auch bereits in den beiden Jahrzehnten davor zu tun. „Die Leute fuhren nach Italien oder Spanien in die Sonne – Stichwort Teutonengrill.“ So mancher Urlauber dürfte sich damals den einen oder anderen heftigen Sonnenbrand geholt haben, der Jahrzehnte später zu einem malignen Melanom führte – dem schwarzen Hautkrebs, der im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. „Die Haut vergisst nie“, sagt Petering.

Allein im Jahr 2014 erkrankten 111 Menschen im Kreis Hildesheim an schwarzem Hautkrebs. Auch der weiße Hautkrebs, der vor allem im Gesicht auftritt und durch regelmäßige  UV-Strahlung entsteht (also nicht allein durch Sonnenbrand), ist auf dem Vormarsch: Laut Petering erkranken in einer 100 000-Einwohner-Stadt wie Hildesheim jedes Jahr 190 Menschen daran. In fast allen Fällen gelten die Patienten nach einer Operation mit entsprechender Nachsorge als geheilt.

Dass die Haut-Tumor-Zahlen insgesamt seit Kurzem deutlich zunehmen, liegt aber nicht nur an der erhöhten Sonnen-Dosis Betroffener in der Vergangenheit, sondern an der verbesserten Früherkennung: Seit 2009 bezahlen die Krankenkassen alle zwei Jahre ab 35 ein Screening (Voruntersuchung), das Petering auch dringend empfiehlt. Gerade beim schwarzen Hautkrebs, bei dem die Dicke des Tumors die entscheidende Rolle spiele, könne das lebensrettend sein. „Wir erkennen beim Screening auch fehlentwickelte Muttermale, aus denen ein Tumor werden könnte.“

Wenig hält der 50-Jährige von der „ABCDE-Methode“, die auf Selbstbeobachtung auffälliger Hautveränderungen setzt. „Wenn da etwas herauskommt, ist es oft schon sehr spät.“ Petering selbst sonnt sich im Übrigen nicht (zu langweilig), rät aber im Fall der Fälle zu Sonnenschutzfaktor 30 plus (bei Kindern zu Faktor 50 plus und Kleidung mit UV-Schutz). Vor einem Solariumbesuch warnt der Experte: „Da kann man sich auch gleich in die Mittagssonne am Äquator legen.“

Ist es schwierig, bei einem Hildesheimer Hautarzt einen Termin zu bekommen? Nicht unbedingt, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN). Zwar beschwerten sich hin und wieder Patienten, dass sie zu lange warten müssten, sagt Kristina Grbic, Geschäftsbereichsleiterin in der Bezirksstelle. „Aber so etwas ist überall zu hören, auch in Hannover – und auch aus jedem Facharztbereich.“ Ohnehin habe sich die Lage durch die Einführung der Terminservicestellen geändert: Die Einrichtung vermittelt Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Dermatologen, der sich innerhalb von 30 Minuten erreichen lässt.

„Das ist natürlich nicht immer der Wunsch-Arzt in der Wunsch-Stadt“, betont Grbic. Aber das System mit den Servicestellen funktioniere recht gut, meint Grbic – wobei es dazu auch andere Meinungen gibt, sowohl bei Ärzten als auch Politikern. Rein statistisch betrachtet ist der Raum Hildesheim mit Dermatologen überversorgt: Bei der KVN sind elf Kassenärzte aus diesem Fachgebiet für das Kreisgebiet zugelassen, das entspricht einer Versorgungsquote von knapp 120 Prozent – was dazu führt, dass sich zurzeit keine Hautärzte mehr niederlassen dürfen.

Geburt

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aller Babys kommen gesund zur Welt.

 Abenteuer Geburt

Welche Untersuchungen sind während der Schwangerschaft sinnvoll? Was ist rund um die Geburt zu beachten? Werdende Eltern haben viele Fragen, finden aber oftmals keine befriedigenden Antworten. Eine kleine Hilfestellung für die Zeit zwischen Hoffen und Bangen. (Foto: Unsplash)

 

von Nadine Zeller

Werdenden Müttern liegt nicht nur eine optimale medizinische Versorgung während der Schwangerschaft am Herzen, sondern sie wollen rund um die Geburt auch eine gute körperliche und emotionale Betreuung. Das ist das Ergebnis einer jüngst vom gemeinnützigen Picker-Institut veröffentlichten Befragung unter knapp 10 000 Wöchnerinnen in Deutschland. Doch obwohl immer mehr Geburtskliniken entstehen, fühlen sich viele Frauen bei Beratung und Betreuung oft alleingelassen. Ein Überblick über häufige Fragen.

 

Beim Pränatest handelt es sich um einen Bluttest, mit dem festgestellt werden kann, ob das Ungeborene Trisomie 21 – das sogenannte Downsyndrom – aufweist. Auch Trisomie 13 und 18 können damit nachgewiesen werden. Der Test wird in der neunten bis zwölften Woche vorgenommen. Der Arzt nimmt der Mutter Blut ab, in dem sich auch Körperzellen des Kindes befinden. Diese werden isoliert und auf Abweichungen untersucht. Der Test ist seit dem Jahr 2012 auf dem Markt und gilt als sehr zuverlässig. Anders als bei den invasiven Untersuchungsmethoden wie der Fruchtwasseruntersuchung besteht beim Pränatest kein Risiko einer Fehlgeburt.

Dennoch ist der Test umstritten. Kritiker befürchten, dass Eltern häufiger abtreiben. Nicht ohne Grund: Schon heute entscheiden sich 90 Prozent der Eltern gegen ihr Baby, wenn eine genetische Anomalie festgestellt wird.

 

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Entbindungen per Kaiserschnitt in Deutschland verdoppelt, mittlerweile kommt jedes dritte Kind auf diesem Wege zur Welt. Damit gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Kaiserschnittrate in Europa.

Früher war der Kaiserschnitt einzig ein Notfalleingriff. Liegt das Kind quer im Bauch oder ist die Gebärmutter vorgelagert, rettet der Kaiserschnitt das Leben von Mutter und Kind. Heute ist er eine Standardoperation – weil sich immer mehr Ärzte auch bei einer Beckenendlage oder einer vorangegangenen Kaiserschnittgeburt für das Skalpell entscheiden. Das hat drei Gründe: Erstens haben Geburtshelfer heute weniger Erfahrung mit komplizierten Spontangeburten, zweitens fürchten die Ärzte, haftungsrechtlich belangt zu werden, und drittens hat sich die Klinikorganisation geändert.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Entbindungen per Kaiserschnitt in Deutschland verdoppelt, mittlerweile kommt jedes dritte Kind auf diesem Wege zur Welt. Damit gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Kaiserschnittrate in Europa.

Früher war der Kaiserschnitt einzig ein Notfalleingriff. Liegt das Kind quer im Bauch oder ist die Gebärmutter vorgelagert, rettet der Kaiserschnitt das Leben von Mutter und Kind. Heute ist er eine Standardoperation – weil sich immer mehr Ärzte auch bei einer Beckenendlage oder einer vorangegangenen Kaiserschnittgeburt für das Skalpell entscheiden. Das hat drei Gründe: Erstens haben Geburtshelfer heute weniger Erfahrung mit komplizierten Spontangeburten, zweitens fürchten die Ärzte, haftungsrechtlich belangt zu werden, und drittens hat sich die Klinikorganisation geändert.

 

Die vaginale Geburt hat hingegen den Vorteil, dass durch den Druck, dem das Kind im Geburtskanal ausgesetzt ist, das Fruchtwasser aus den Lungen der Babys gepresst wird und sie leichter atmen können. Zudem nehmen die Kinder auf dem Geburtsweg Mikroorganismen der Mutter auf. Dieser Bakteriencocktail wirkt sich günstig auf die Darmflora der Kinder aus und immunisiert sie. All die Vorteile der natürlichen Geburt dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kaiserschnitt Leben retten kann.

 

Die Geburt in den eigenen vier Wänden bietet den Frauen große Vorteile, wie eine Übersichtsstudie bestätigt. Ein US-Forscherteam  von der Abteilung für Geburtenhilfe des Maine Medical Centers in Portland hat dazu Daten von 342 000 Hausgeburten und 208 000 Entbindungen in Krankenhäusern verglichen. Das Resultat: Die Frauen nehmen zu  Hause seltener Schmerzmittel und es kommt zu weniger Damm- oder Kaiserschnitten als in der Klinik. Doch bei Hausgeburten ist das Sterberisiko der Neugeborenen dreimal höher als im Krankenhaus. Zudem müssen Säuglinge öfter wiederbelebt werden als Babys im Krankenhaus.

Die meisten Kinder werden in Kliniken entbunden. Dort sind Ärzte im Notfall schnell verfügbar. Der Nachteil: Meistens ist den Frauen weder der Arzt noch die Hebamme vertraut, zudem gibt es weniger Privatsphäre. Eine Alternative stellt für viele das Geburtshaus dar, in dem die Frauen ambulant entbinden können.

 

Hebammen helfen der werdenden Mutter während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett. Während der Schwangerschaft stehen ihnen – bis auf den Ultraschall – dieselben Mittel zur Verfügung wie Gynäkologen. Viele Frauen nehmen eine persönliche Hebamme jedoch erst nach der Geburt in Anspruch. Die Geburt in der Klinik begleiten in den meisten Fällen Hebammen im Schichtdienst. Eine solche Geburtshebamme hilft der Frau, die Wehen zu verarbeiten. Sie entscheidet, wann es notwendig ist, einen Arzt hinzuzuziehen.

Nach der Geburt lassen sich die meisten Frauen von einer Nachsorgehebamme helfen. Gerade in dieser Zeit des Wochenbetts sind sie eine wichtige emotionale Stütze. Schreit das Kind, will es nichts essen, steht die Hebamme den Eltern zur Seite. Um eine Nachsorgehebamme fürs Wochenbett sollte sich jede Frau schon während der Schwangerschaft kümmern.

 

Bäder, Massagen und die richtige Atmung können helfen, mit den Wehen besser klarzukommen. Verschwinden werden sie dadurch nicht. Die Schmerzen entstehen durch die Kontraktionen der Gebärmutter. Kontrahiert diese nicht, wird das Kind nicht durch den Geburtskanal gepresst. Wehen sind also notwendig.

Es gibt verschiedene Wehen. Die Eröffnungswehen weiten den Muttermund auf die notwendigen zehn Zentimeter Breite. Erst wenn dieser geöffnet ist, dürfen die Schwangeren durch aktives Pressen die Wehen unterstützen.

Der Wehenschmerz kann durch eine Periduralanästhesie (PDA) nahezu vollständig gelindert werden. Dabei wird die Schwangere durch eine Spritze in die Wirbelsäule betäubt, sodass sie keine Wehenschmerzen verspürt, die Geburt aber mitbekommt. Verlangt eine Schwangere nach einer PDA, bekommt sie diese in der Regel auch, es sei denn die Geburt ist bereits zu weit fortgeschritten.

Die PDA kann sinnvoll sein, wenn die Wehen zu schwach sind und die Geburt mithilfe eines Wehentropfs eingeleitet werden soll. Sie lindern die Schmerzen, die durch den Wehentropf entstehen. Zu den Risiken der PDA kann man sich in der Geburtsklinik vor dem Geburtstermin aufklären lassen.

 

Erschöpft fühlt sich jede Mutter nach einer Geburt. Hält dieser Zustand länger an und gesellt sich dazu ein Gefühl der Leere, Gleichgültigkeit und Gereiztheit, kann dies auf eine postpartale Depression hindeuten. Etwa 15 Prozent aller Mütter leiden darunter. Viele fühlen sich außerstande, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen, auch Versagensängste spielen eine Rolle. Aus Scham vertrauen sich viele Frauen niemandem an. Dabei sind Wochenbettdepressionen nicht nur verbreitet, sondern auch gut behandelbar. Eine erste Ansprechpartnerin ist die Hebamme. Auch Haus- und Frauenärzte helfen weiter. Zudem gibt es an einigen psychiatrischen Krankenhäusern Abteilungen, in denen das Kind zusammen mit der Mutter aufgenommen werden kann.


Von Anfang an zu Hause – Entbindung im heimischen Schafzimmer

Früher waren Hausgeburten ganz normal. Heute sind sie eine Seltenheit – weil es kaum noch Hebammen gibt, die Babys zu Hause zur Welt holen. In Hildesheim übernimmt das eine Hebamme aus Hannover.

 

Von Ulrike Kohrs

Rund 3000 Kinder sind im vergangenen Jahr in Stadt und Landkreis Hildesheim geboren – die allermeisten davon in den Kliniken. Hausgeburten gibt es kaum noch. Aber nicht, weil sich die werdenden Mütter das nicht trauen, sondern weil es kaum noch Hebammen gibt, die die Babys im heimischen Schlafzimmer zur Welt holen. Die Gesetzes- und Versicherungslage in Deutschland ist denkbar schlecht für die Geburtshelferinnen, sie können sich die Hausgeburten schlicht finanziell nicht leisten.

Dass in Hildesheim aber doch noch einige Kinder zu Hause geboren werden können, ist Evelyn Kampfhofer zu verdanken. Die Hebamme aus Hannover entbindet auf Wunsch werdende Mütter im Landkreis Hildesheim. Vor rund fünf Wochen hat sie der kleinen Ada auf die Welt geholfen. Für Natalie und Christian Vandreier war es die zweite Schwangerschaft. Vor zweieinhalb Jahren hat das Paar Sohn Carl bekommen – in einer Klinik in Hannover. „Dabei sollte Carl auch schon zu Hause geboren werden“, erinnert sich Natalie Vandreier. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie diese Entscheidung getroffen. „Wir wollten, dass unser Kind dort zur Welt kommt, wo wir uns wohl und sicher fühlen“, erklärt sie.

Doch Carl lag in Steißlage, wollte sich nicht ins Becken drehen. An eine Hausgeburt war nicht mehr zu denken. Ein Kaiserschnitt kam für die werdenden Eltern zunächst auch nicht in die Frage. Carl sollte auf natürliche Weise zur Welt kommen, auch mit den Beinchen voraus. Also packte Familie Vandreier ihre Sachen und fuhr zur Entbindung in eine Klinik in Hannover. Dort kam Carl gesund zur Welt – wenn auch letztlich doch per Kaiserschnitt. Mama Natalie fuhr auf eigenen Wunsch wenige Stunden nach der Geburt mit ihrer Familie zurück nach Hildesheim.

Auch oder gerade wegen dieser Erfahrungen waren sich Vandreiers bei der zweiten Schwangerschaft erneut sicher, ihr Baby zu Hause bekommen zu wollen. „In unserem Mehrgenerationenhaus“, sagt Natalie Vandreier. Auch ihre Mutter und ihr 98-jähriger Großvater leben in dem Haus in Himmelsthür. Und schon ihre Mutter kam dort zur Welt. Jetzt auch die kleine Ada, im Schlafzimmer ihrer Eltern, unter den wachsamen Augen von Evelyn Kampfhofer. Die kam, als die Wehen einsetzten und blieb bis einige Stunden nach der Geburt.

Aber was macht denn eine Geburt zu Hause für Natalie Vandreier so wertvoll? „Hier kann ich selbstbestimmt bleiben, habe die ganze Zeit meine Hebamme an der Seite“, erklärt sie. Evelyn Kampfhofer nickt, das sei in den Kliniken nicht zu leisten. Dort betreut eine Hebamme meist mehrere werdende Mütter, verlangt der Schichtwechsel oftmals, dass eine Kollegin übernimmt. Auch wehenfördernde oder schmerzhemmende Medikamente würden den Klinikbetrieb erleichtern. „Etwa 35 Prozent aller Kinder kommen bundesweit per Kaiserschnitt zur Welt“, sagt Kampfhofer. Das seien eindeutig zu viele. Aber Kaiserschnitte ließen sich eben im Klinikalltag besser planen, als spontane Geburten. Doch es gebe es natürlich auch viele Frauen, die einen Kaiserschnitt bevorzugen – aus Angst vor einer natürlichen Geburt.

„So eine Geburt ist eigentlich ein Selbstläufer“, sagt die erfahrene Hebamme. Die Frauen wüssten meist instinktiv, was zu tun und was gut für sie sei. „Eine Hebamme kann sich in der Regel zurücknehmen und der Frau die Regie überlassen“, schildert sie. Dennoch gibt es eine Menge werdende Eltern, die eine Hausgeburt ablehnen. Auch aus Sorge, dass es unter der Geburt Probleme geben könnte, die dringende medizinische Hilfe erfordern. „Solche Probleme tauchen nicht von einer Sekunde auf die andere auf“, weiß Kampfhofer. Zum einen werde die werdende Mutter im Vorfeld engmaschig untersucht, auch von der Hebamme. Zum anderen bleibe im Ernstfall immer noch die Möglichkeit, ins Krankenhaus zu wechseln.

Bei Familie Vandreier ging alles glatt. Ada kam problemlos zur Welt und wurde sogleich auch von ihrer Oma und ihrem Urgroßvater im Kreise der Familie begrüßt. Und sollte sich noch einmal Nachwuchs einstellen, sind sich Vandreiers schon jetzt sicher, dass auch der wieder unter dem Dach der Familie geboren werden soll.

Rücken

Ein ergonomisch eingestellter Arbeitsplatz hilft, Fehlbelastungen von Wirbelsäule und Bandscheiben, Muskelverspannungen und schneller Ermüdung vorzubeugen.


„In Bewegung bleiben“

Rückenschmerzen sind in Deutschland ein Volksleiden: Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung geht jeder fünfte gesetzlich Versicherte mindestens einmal pro Jahr deshalb zum Arzt, manche davon auch mehrmals. Insgesamt gibt es hierzulande pro Jahr mehr als 38 Millionen Arztbesuche wegen Rückenschmerzen.

Körperliche Aktivität kann Rückenschmerzen lindern. Der Unfallchirurg und Facharzt für Orthopädie Prof. Dr. Bernd Kladny erklärt, was Patienten für ihren Rücken tun können.

Es gibt bestimmte Warnhinweise, die auf eine ernste Verletzung oder Krankheit hindeuten: etwa Fieber, Appetitlosigkeit, Gefühlsstörungen in den Beinen oder starke Schmerzen in der Nacht. Auch wenn Schmerzen nach einem Unfall auftreten oder wochenlang anhalten, sollte man zum Arzt gehen. Vollständig aufgelistet werden diese Signale in der Patientenleitlinie Kreuzschmerz. „Gibt es solche Warnhinweise nicht, kann man durchaus erst mal abwarten“, sagt der Orthopäde Bernd Kladny. „Nicht spezifische Kreuzschmerzen“, bei denen sich kein eindeutiger Auslöser erkennen lässt, sind in der Regel harmlos und verschwinden oft von selbst.

 

 

Nur wenn der Arzt einen Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf findet, ist eine bildgebende Untersuchung nötig. „Auch dann, wenn ein Patient mehrere Wochen an akuten nicht spezifischen Schmerzen leidet, sollte man an Bildgebung denken“, sagt Kladny. Methode der Wahl sei in der Regel eine Magnetresonanztomografie (MRT). Einziger Nachteil: Die Untersuchung wird im Liegen durchgeführt. Das hat zur Folge, dass man die Statik der Wirbelsäule nicht gut erkennt. In diesem Punkt ist das Röntgenbild überlegen. „Darauf werden allerdings die Weichteile, also etwa die Bandscheiben, nicht dargestellt“, sagt Kladny. „Außerdem ist der Patient Strahlung ausgesetzt.“ Eine Computertomografie, die ebenfalls mit Strahlung verbunden ist, wird heute nur noch in Ausnahmefällen gemacht: etwa dann, wenn ein MRT wegen eines Herzschrittmachers nicht möglich ist.

 

Stress, Probleme in der Partnerschaft oder Mobbing am Arbeitsplatz sind Faktoren, die Rückenschmerzen verstärken können. Manchmal tragen sie auch dazu bei, dass die Schmerzen chronisch werden. Umgekehrt haben dauerhafte Schmerzen auch psychische Folgen: „Man neigt dann zu Ängstlichkeit und Depressivität.“ Bei chronischen Rückenschmerzen spielt die Psyche fast immer eine Rolle. Daher wird bei der Therapie chronischer Schmerzen in der Regel geklärt, ob eine psychologische Behandlung sinnvoll ist.

 

„Bei nicht spezifischen Kreuzschmerzen gilt: immer in Bewegung bleiben!“, betont Kladny. Studien belegen, dass körperliche Aktivität plötzliche Rückenschmerzen meist lindert. Außerdem droht bei längerer Schonung ein Abbau der Rückenmuskulatur, die für die Stabilität der Wirbelsäule wichtig ist. Anders ist das bei spezifischen Kreuzschmerzen, also etwa, wenn eine Bandscheibe auf einen Nerv drückt. „Dann kann Ruhe notwendig sein“, sagt der Orthopäde. Ob und wie lange man sich schonen soll, muss der Arzt feststellen.

 

Wenn man weiß, was das Problem ist, kann Physiotherapie gut helfen. „Wenn man zum Beispiel verkürzte Muskeln hat, lässt sich gezielt daran arbeiten“, sagt Kladny. In solchen Fällen kann der Therapeut dem Patienten auch Übungen für daheim zeigen, die ihm langfristig helfen. „Manchmal gibt es auch Blockierungen, die man lösen kann. Dadurch ist den Menschen dann schnell geholfen.“

 

Viele Menschen mit Rückenproblemen setzen auf dieses manuelle Verfahren, das den ganzen Körper miteinbezieht. Kladny äußert sich jedoch vorsichtig: „Das Problem ist, dass der Begriff ‚Osteopathie‘ nicht geschützt ist. Es gibt verschiedene Schulen, die zum Teil verschiedene Ausbildungskonzepte haben“, erklärt der Orthopäde. „Manche Ansätze sind durchaus sinnvoll, andere sind aber ärztlich nicht ganz nachvollziehbar.“ Für Patienten lässt sich schwer erkennen, was hinter den Angeboten steckt.

Für einen gesunden Rücken ist es wichtig, dass die Wirbelsäule nachts entlastet wird. „Die Bandscheiben haben eine Stoßdämpferfunktion“, sagt Kladny. „Tagsüber werden sie zusammengedrückt. Nachts quellen sie wie ein Schwamm wieder auf.“ Es ist entscheidend, dass sie sich gut ausdehnen können, um Flüssigkeit und Nährstoffe aufzunehmen. Die Wirbelsäule sollte dazu annähernd so gebettet sein, wie es ihrer natürlichen Form entspricht. Für die Matratze gilt: Sie soll gut stützen, in der Schulter- und Beckenregion aber nachgeben. „Sonst kann es sein, dass die Wirbelsäule durchhängt“, erklärt er. Welcher Matratzentyp und welcher Härtegrad geeignet sind, ist unterschiedlich. „Man sollte sich beim Kauf gut beraten lassen und im Geschäft Probe liegen“, rät Kladny. „Der Mensch merkt, ob er gut liegt oder nicht.“

„Nichtbewegung ist Gift für unsere Wirbelsäule“, betont Kladny. Deshalb ist es ungesund, lange in derselben Position zu verharren – sei es beim Sitzen oder Stehen. „Pro Stunde sollte man zwei bis drei Haltungswechsel für etwa fünf Minuten einplanen“, rät der Experte. Dazu kann man sich Tricks einfallen lassen: „Ich lasse mir zum Beispiel Briefe zum Unterschreiben nicht auf den Schreibtisch legen“, sagt Kladny. „Ich gehe dazu ins Sekretariat und stelle mich an die Theke.“ Oder man stellt den Papierkorb in eine andere Zimmerecke, um öfter aufstehen zu müssen. Solche Positionswechsel sind wichtiger als ein Spezialstuhl.

 Interview: Angela Stoll

Prof. Dr. Bernd Kladny ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie und Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach. Zu seinen Schwerpunkten gehört die nicht operative Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen und Kreuzschmerzen.


Patienten mit Bandscheibenvorfall behandelte das Bernward-Krankenhaus im Jahr 2017. Vor fünf Jahren waren es noch 368 gewesen. Begründung: Viele Patienten mit einem Vorfall gehen heute zu einem Facharzt.

Bandscheibenvorfälle operierte das Bernward-Krankenhaus im Jahr 2017. Vor fünf Jahren waren es noch 76.

Erst ein leichtes Ziehen, dann der Schmerz: ein „Klassiker“ namens Bandscheibenvorfall

Manchmal fährt einem der Schmerz aus unerklärlichen Gründen in den Rücken. Das erleben auch Menschen in Hildesheim jeden Tag. Eine von ihnen ist Kerstin Hillebrand.

Von Christian Harborth

Es fing schleichend an. Vor eineinhalb Wochen mit einem leichten Ziehen im Gesäß. Ein Gefühl, das Kerstin Hillebrand noch nicht als Schmerz bezeichnen würde. Aber eins, das auch nicht mehr wirklich angenehm war. Klar, sie hatte einen anstrengenden Tag im Job hinter sich. „Ich war acht Stunden ununterbrochen auf den Beinen“, erinnert sie sich. Also schlüpfte die 52-Jährige abends erschöpft ins Bett – und erwachte am nächsten Morgen mit Schmerzen, die sie in dieser Intensität bisher kaum kannte. Und dazu einer körperlichen Eingeschränktheit, die einen gesunden Menschen zum Verzweifeln bringen kann. „Es ging gar nichts mehr“, sagt die zweifache Mutter.

Sie ist mit einem Mediziner verheiratet, der ausnahmsweise in den eigenen vier Wänden eine erste Diagnose stellte – und sie ins Rehazentrum Qui si sana in der Schuhstraße schickte. Dort konnte man schnell etwas gegen die schlimmsten Schmerzen tun – eine Diagnose musste allerdings anschließend ein Facharzt stellen. Der schickte sie gleich weiter zur Magnetresonanztomographie, der MRT. Umgangssprachlich ist hier oft vom Kernspin die Rede, oder von der „Röhre“ – weil der Patient in einer solchen „durchleuchtet“ wird. Mit der MRT lassen sich Schnittbilder des menschlichen Körpers erzeugen, die eine Beurteilung der Organe und vieler krankhafter Veränderungen erlauben. Das Verfahren brachte auch bei Kerstin Hillebrand Gewissheit: Rechtslateraler Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule mit leichter Verlagerung der Nervenwurzel, lautete die abschließende Diagnose, die sie auch schwarz auf weiß mitbekommen hat.

Und jetzt? Allein gegen die Schmerzen ankämpfen? Unters Messer? Hinlegen und abwarten? Kein Bandscheibenvorfall gleicht einem anderen. „Und manchmal hat man dabei nicht einmal Schmerzen“, weiß Qui-si-sana-Chefin Claudia Leyder. Bei Kerstin Hillebrand musste der Physiotherapeutin niemand lange Vorträge halten. „Solche Probleme sind bei uns der Klassiker“, sagt sie. Im Fall von Kerstin Hillebrand konnte sie aber schnell für Linderung sorgen.  Mit einem Mix aus Entspannung, Krankengymnastik und sportlichen Übungen. Alle zwei Tage kommt Kerstin Hillebrand zum Termin. „Inzwischen habe ich keine Schmerzen mehr“, sagt sie.

Trotzdem ist sie gewarnt. Die 52-Jährige ist eine schlanke und sportliche Frau. „Ich mache zwei Mal in der Woche Yoga und dazu Stepptanz“, erzählt sie. Und trotzdem hat dies nicht dazu geführt, dass sie von dem Bandscheibenvorfall verschont blieb. Vielleicht muss sie an anderer Stelle an sich arbeiten. Vielleicht an den Bauchmuskeln, denen Fachleute eine „tragende Rolle“ bei der Vermeidung von Bandscheibenvorfällen im Besonderen und der Vorbeugung von Rückenproblemen im Allgemeinen nachsagen. „Und vielleicht darf ich auch einfach nicht mehr so lange am Stück stehen“, sagt sie.

Rücken-Operationen und Aufenthalte in Kliniken wegen Rückenschmerzen haben in den vergangenen Jahren in Deutschland stark zugenommen: Waren es 2007 noch 452 000, gab es 2015 bereits 772 000 Eingriffe – eine Steigerung von 71 Prozent. Das hat der „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Die Stiftung hat in den 402 Kreisen und kreisfreien Städten die Häufigkeit der drei bekanntesten Rücken-Operationen analysiert: Bandscheiben-Eingriffe, Dekompressions-Operationen und Spondylodesen, also OPs zur Versteifung von Wirbelkörpern an der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule, um eine anschließende Belastbarkeit der Wirbelsäule wiederherzustellen.

Seit 2007 hat zudem die Zahl der Patienten, die aufgrund von Rückenschmerzen in eine Klinik aufgenommen wurden, von 116 000 auf 200 000 in 2015 zugenommen – mit deutlichen wohnortabhängigen Unterschieden. Allerdings gibt es auch Krankenhäuser, die diesem Trend offenbar nicht folgen. Im Hildesheimer Bernward-Krankenhaus beispielsweise ist die Zahl der Operationen bei Bandscheibenvorfällen in den vergangenen fünf Jahren rückläufig. Die Zahl der Behandlungen ist sogar dramatisch gesunken. Das führt das Krankenhaus darauf zurück, dass zunehmend ambulant von den Fachärzten behandelt werden könne.

Zahnmedizin

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Prozent der Zahnoberfläche werden mit der normalen Bürste erreicht.

Für die weiteren

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braucht es ein Spezialwerkzeug.

Zeigt her eure Zähne!

Für viele Menschen ist ein schönes, offenes Lächeln unweigerlich mit einem gepflegten Gebiss verbunden – doch dafür muss man einiges tun: Ein Überblick in Sachen Zahngesundheit:

Von Angela Stoll

Die richtige Pflege für ein gesundes Gebiss – reicht es, die Zähne mit der Zahnbürste zu putzen? Und falls ja, wie oft?  Zweimal pro Tag oder doch besser, wie einst empfohlen, nach jeder Mahlzeit? Experten beantworten Fragen rund um das Thema Zahngesundheit:

Früher galt die Devise: Nach jeder Mahlzeit Zähne putzen! Davon sind Zahnärzte inzwischen abgerückt. „Bakterielle Beläge brauchen Zeit, um ihre krank machende Wirkung zu entfalten“, sagt Prof. Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Allgemein gilt heute: Zweimal täglich gründlich putzen reicht, auch bei Kindern. Vor allem abends sollte man es aber mit der Mundhygiene genau nehmen, da der Körper in der Nacht weniger Speichel produziert und die Zähne dadurch besonders angreifbar sind.

Ja, davon gehen Experten aus. „Mit der normalen Bürste erreicht man nur etwa 70 Prozent der Zahnoberfläche“, sagt Oesterreich. Um die anderen Bereiche von schädlichem Belag zu befreien, braucht es Spezialwerkzeug. Dennoch haben Zahnseide und Zahnzwischenraumbürsten in Studien zur Wirksamkeit nicht gut abgeschnitten. Möglicherweise liegt das daran, dass sie oft falsch verwendet werden.

So erklärt Prof. Dr. Stefan Zimmer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventive Zahnmedizin: „Zahnseide richtig zu handhaben ist recht kompliziert. Das überfordert viele Leute.“ Manche Patienten verletzen sich sogar am Zahnfleisch. „Wird Zahnseide professionell angewandt, hat sie sich als effektiv erwiesen.“ Auch mit Interdentalbürsten (Zahnzwischenraumbürsten) tun sich viele schwer. „Gerade ältere Patienten mit eingeschränkter Feinmotorik erwischen die Zwischenräume manchmal nicht“, berichtet Zimmer. Außerdem sind die Bürsten nur dann wirksam, wenn sie die richtige Größe haben. Entscheidend ist daher eine gute Beratung beim Zahnarzt. Welches Produkt am besten zum Patienten passt, ist nämlich unterschiedlich. Außerdem sollte man sich die Anwendung zeigen lassen – wenn nötig, auch mehrmals.

„Elektrische Zahnbürsten sind effektiver als Handzahnbürsten, wenn die Putzzeit gleich ist“, sagt Zimmer. Auch eine Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration bescheinigt den elektrischen eine leichte Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Bürsten: Zahnbelag wird dadurch gründlicher entfernt. Am besten sind die Vorteile für „rotierend-oszillierende“ Bürsten belegt, bei denen sich ein kleiner Kopf erst in die eine, dann in die andere Richtung dreht. „Hier ist aber die Putztechnik wichtig“, sagt Zimmer.

„Es gibt immer wieder Anwender, die damit hin- und herschrubben.“ Die Bürste muss man jedoch von Zahn zu Zahn und immer am Zahnfleischrand entlangführen. Für Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik, etwa Senioren und Kinder, sind Schallzahnbürsten besser geeignet. Sie haben einen länglichen Kopf und reinigen zwei bis drei Zähne auf einmal, indem die Borsten rasch hin- und herschwingen. Das ist schneller, geht aber mitunter auf Kosten der Gründlichkeit. Wer mit einer Handzahnbürste gut zurechtkommt, braucht nicht zu wechseln. Damit kann man das gleiche Ergebnis erzielen wie mit einer elektrischen Bürste.

Eher nicht. Amalgam enthält zwar giftiges Quecksilber. Daher wird seit vielen Jahren diskutiert, ob Amalgamfüllungen gesundheitsschädlich sind. Angeblich spielt der Stoff bei zahlreichen Krankheiten eine Rolle – von Alzheimer über Bluthochdruck bis hin zu Krebs. Wissenschaftlich belegt ist das laut Bundeszahnärztekammer nicht. Unbestritten bleibt, dass manche Patienten allergisch auf den Stoff reagieren. „Grundsätzlich kann aber jedes Füllungsmaterial allergische Reaktionen auslösen“, erklärt Oesterreich. Sogar Gold ist – wegen zusätzlicher Stoffe in der Legierung – nicht immer unproblematisch. Wer im Mund Schmerzen, Rötungen oder Schwellungen nach Einsatz einer neuen Füllung bemerkt, sollte daher zum Zahnarzt gehen. Möglicherweise liegt eine Allergie vor. „So etwas ist aber selten“, betont Oesterreich.

Das ist unklar. Zunächst: Wer seine Zähne bleichen will, sollte zum Zahnarztcheck. Bei Karies oder Zahnfleischentzündungen kann Bleichmittel Schmerzen auslösen und das Gebiss schädigen. Außerdem ist eine Beratung wichtig: „Man sollte erst mal eine professionelle Zahnreinigung vornehmen. Dadurch werden oft schon viele Verfärbungen beseitigt“, sagt Oesterreich. Will der Patient mehr, schadet ein fachkundig durchgeführtes Bleaching in der Regel nicht. Allerdings sollte man den Zähnen danach eine Pause gönnen, damit der Zahnschmelz nicht angegriffen wird. „Klar ist, dass man nicht mehrmals im Jahr bleachen sollte.“ Und was bringt Weißmacher-Zahncreme? Damit kann man allenfalls oberflächliche Verfärbungen entfernen. Außerdem sollte man sie besser nicht regelmäßig verwenden: Pasten mit hohem Putzkörperanteil können die Zahnoberfläche verletzen – ähnlich wie Schmirgelpapier.

Vielfältig. Man geht davon aus, dass Parodontitis das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Frühgeburten und Gelenkerkrankungen erhöht. „Wissenschaftlich am besten belegt ist der Zusammenhang bei Diabetes“, sagt Zimmer. So verstärken sich Parodontitis und Diabetes, zudem spielt die Entzündung offenbar als Auslöser der Zuckerkrankheit eine Rolle. Aber auch eine chronische Karies kann schwere Folgen haben. Oesterreich: „Wenn die Bakterien in die Blutbahn gelangen, droht im Extremfall eine lebensgefährliche Blutvergiftung.“ Abgesehen davon belasten die Giftstoffe, die Bakterien bei einer chronischen Karies absondern, den Körper. Das kann zu diffusen Beschwerden führen. „Gesunde Zähne sind elementar für einen gesunden Körper“, so Oesterreich.


Auf den Zahn gefühlt: Wie sich Arzt Christoph Hils um behinderte Menschen kümmert

Schon seit zehn Jahren behandelt  der Hildesheimer Zahnmediziner Dr. Christoph Hils beeinträchtigte  Patienten in der Heimstatt Röderhof. Was reizt ihn daran? Und was motiviert den 62-Jährigen?

Von Alexander Raths

Es ist Millimeterarbeit. Stückchen für Stückchen tastet sich Christoph Hils weiter. Entfernt nach und nach den Zahnstein unter dem Zahnfleisch. Helferin Nimet Nergiz assistiert dem Arzt. Auf dem Behandlungsstuhl liegt der 52-jährige Ulrich. Er ist schwer geistig behindert und steht unter Vollnarkose. Anästhesist Günter Engelhard überwacht die Prozedur. Ulrich atmet ruhig, während Zahnarzt Hils weiter mit seinen Instrumenten hantiert. 45 Minuten braucht der 62-Jährige, dann ist die „Taschenbehandlung“ fertig. Ulrich erwacht. Der Mann kann wieder in das Gebäude zurück, in dem er als Bewohner der Heimstatt Röderhof lebt.

Er gehört zu den 236 Menschen mit verschiedenen Behinderungen, die dort ein Zuhause haben. Ihr Zahnarzt ist Hils, der seit 2008 im Personalhaus II auf dem Röderhof-Gelände arbeitet. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn es ist ganz anders für den Mediziner, in der Heimstatt zu arbeiten, als sich in seiner Praxis in Hildesheim um  Menschen ohne Handicap  zu kümmern. „Man braucht viel mehr Zeit. Die Mitarbeiter der Heimstatt müssen erst einmal erklären, welche Probleme der Patient hat.“ Denn viele der Bewohner können sich kaum artikulieren. Oder auch nicht bei den Eingriffen den Zahnarzt unterstützen, wenn er etwa Kronen einsetzt, einen Zahn füllt  oder einen Teil des Gebisses überkront. „Man muss erst einmal ein Vertrauensverhältnis aufbauen“, sagt der 62-Jährige. Etliche der Bewohner kann er nur unter Vollnarkose behandeln.

Jeden Freitag widmet er sich den Röderhofern. Was ihn dabei antreibt? „Behinderte Menschen haben keine Lobby. Die steht nur auf dem Papier. Wir aber haben eine gesellschaftliche Verantwortung, uns um sie zu kümmern“, betont er. Hils beeindruckt die Spontanität und die Distanzlosigkeit vieler seiner Patienten. „Ich finde das authentisch. Manche nehmen mich in den Arm und küssen mich dann.“ Manchmal ist die Behandlung aber auch schwierig. Wenn ein Patient einfach nicht mehr will und sich weigert, den Zahnarzt weiter arbeiten zu lassen. „Dann muss man halt beim nächsten Mal weitermachen“, sagt der Zahnarzt. Und dann klappt es.

Oft  kommt der 62-Jährige auch ohne Komplikationen voran. Er kennt seine Schützlinge eben – und hat seit 14 Jahren Erfahrungen mit Menschen, die ein Handicap haben. Er begleitet als Arzt die Special Olympics für geistig behinderte Sportler und wurde dafür jüngst ausgezeichnet. So bekam er auch vor Jahren Kontakt zu anderen Ärzten – und auch der zum Röderhof entstand.  Dass er sich gerade dort seiner Aufgabe als Arzt verpflichtet fühlt, daran lässt der Mann keinen Zweifel.  Und dabei ist ihm der Austausch der Röderhofer mit der  Diakonie Himmelsthür wichtig. Denn auch Patienten aus der Diakonie behandelt Hils in der Heimstatt.

Seine Art  kommt dabei gut an. Der 16-jährige Oliver etwa hatte sich früher vor Zahnarztbesuchen gefürchtet, nun ist das anders. „Als ich noch zu Hause gewohnt habe, hatte ich immer Angst davor.  Jetzt gehe ich hier im Röderhof zum Zahnarzt. Herr Hils ist ganz nett und ich habe keine Angst.“ Und einige Patienten kommen auch direkt in die Praxis von Hils nach Hildesheim – manche finden das sogar ganz spannend, eine Abwechslung eben vom Alltag in der Heimstatt. „Ich bin schon groß und fahre zu Herrn Hils nach Hildesheim. Nach dem Zahnarzt gehe ich häufig noch shoppen“, sagt Joana (18).  Und was den 62-Jährigen freut, ist, wenn manche Kinder die Bedeutung  der Zahnpflege erkennen können – die Hils anhand der Anleitung „Zähneputzen mit KAI“ erläutert (siehe Grafik). Der 13-jährige Leon hat das Prinzip verstanden: „Zähneputzen ist wichtig, weil sonst die Zähne kaputt gehen  – und ich habe dann Schmerzen.“

Patienten hat Christoph Hils bislang in der Heimstatt Röderhof behandelt.

Stunden – so lange kann der Arbeitstag des Zahnarztes und seiner Assistenten in der Heimstatt dauern, der freitags gegen 8 Uhr beginnt.

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Prozent der dortigen Patienten muss Hils unter Vollnarkose behandeln. Um die restlichen behinderten Menschen kümmert er sich ambulant.

Hormone

Aus dem Gleichgewicht

Eine Störung des Hormonhaushalts kann krank machen – doch  sie wird oft nicht erkannt. Behandeln sollte sie ein Facharzt  für Endokrinologie.

 

Von Irene Habich

Matthias Weber leitet die Abteilung für Endokrinologie der Universitätsmedizin Mainz und ist Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Er sagt: „Hormone spielen im gesamten Organismus eine wichtige Rolle, deshalb können Hormonstörungen praktisch jedes Organ betreffen. Die hormonbildenden Drüsen des Körpers können entweder zu viel, zu wenig oder keine Hormone mehr produzieren. Es kann aber auch sein, dass der Körper zu schwach oder zu stark auf ein bestimmtes Hormon reagiert.“

Und eine Störung im Hormonhaushalt könne im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. So wie die Krankheit Diabetes: Dabei produziert die Bauchspeicheldrüse entweder zu wenig Insulin, oder die Wirkung des Hormons im Körper ist abgeschwächt. Beides führt dazu, dass Zucker aus der aufgenommenen Nahrung nicht mehr in die Zellen des Körpers transportiert werden kann und sich im Blut anreichert. Auch eine Schwäche der Nebennieren, die unter anderem das Hormon Kortisol produzieren, kann gefährlich werden. Allerdings kommt sie deutlich seltener vor. Ebenso hat ein ausgeprägter Mangel der Sexualhormone Östrogen oder Testosteron schwere Folgen für die Gesundheit.

In anderen Fällen ist die Hormonstörung selbst nicht unbedingt lebensgefährlich, deutet aber auf eine ernste Krankheit hin. Ein Überschuss des Hormons Kortisol beispielsweise kann durch einen bösartigen Tumor der Nebenniere verursacht werden.

Die Diagnose von Hormonstörungen ist kompliziert, es gibt keine absoluten Normwerte. Der gleiche niedrige Hormonspiegel kann bei einem Patienten zu Mangelsymptomen führen – ein anderer kommt gut damit zurecht. „Der Endokrinologe betrachtet daher immer den Patienten als Ganzes“, sagt Weber. Von Selbsttests aus dem Internet, die Hormonspiegel aus einer Speichelprobe bestimmen, sei daher unbedingt abzuraten: „Ein Hormonmangel sollte vom Spezialisten bestimmt werden.“ Die richtige Therapie kann dann eine Operation der veränderten Hormondrüsen sein oder eine Behandlung mit Medikamenten. Diese können die Bildung von Hormonen anregen, unterdrücken oder ihre Wirkung blockieren. Manchmal wird auch die Gabe von Hormonen nötig.

Robert Ritzel ist Chefarzt der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Suchtmedizin am Klinikum Schwabing in München. Der Professor glaubt: „Grundsätzlich wird die Bedeutung der Hormone in der modernen, schnellen Medizin gern unterschätzt. Dabei spielen sie bei fast allen Prozessen im Körper eine wichtige Rolle, beeinflussen Stoffwechsel, Psyche, Sexualtrieb und Immunsystem.“

Und einige Hormonstörungen seien gar nicht so selten. „Entzündliche Veränderungen der Schilddrüse, eines wichtigen hormonproduzierenden Organs, gibt es immerhin bei gut zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung.“ Symptome wie Müdigkeit oder eine depressive Grundstimmung können auf eine beginnende Funktionsstörung und einen Mangel der Schilddrüsenhormone hindeuten.

Im Münchner Klinikum untersucht Ritzel auch regelmäßig den Hormonstatus von Menschen mit extremem Übergewicht. Und zwar um auszuschließen, dass ein Überschuss von Wachstums- oder Stresshormonen die krankhafte Gewichtszunahme verursacht hat. Wird dieser nicht behandelt, bleiben Diäten wirkungslos. Auch auf andere Weise können Hormone die Neigung zur Fettleibigkeit begünstigen. Das sogenannte Belohnungssystem des Körpers ist hormonell gesteuert. Menschen mit einer genetischen Veranlagung dazu schütten nach einem leckeren Essen mehr von dem Glückshormon Serotonin aus. „Essen wird von ihnen viel stärker als positiv empfunden, sodass sie dazu neigen, öfter und mehr zu essen als andere“, erklärt Ritzel. Gegen eine solche Veranlagung können Ärzte bis heute nur wenig ausrichten.

Ritzel rät Patienten immer dann zu einer Abklärung des Hormonstatus, wenn sich deren Gesundheit plötzlich und ohne erkennbare Ursache verändert: Wenn jemand, der immer schlank war, grundlos zunimmt, Diabetes oder Bluthochdruck plötzlich neu auftreten oder sich Krankheiten mit den gängigen Therapien nicht behandeln lassen.

Thomas Konrad ist Mitgründer des Instituts für Stoffwechselforschung in Frankfurt. In seiner Praxis für Endokrinologie behandelt der Professor zudem Privatpatienten. Bei der Diagnose ist es ihm wichtig, ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt nicht gleich als Krankheit anzusehen. Denn längst nicht immer hat es eine biologische Ursache. Bei Männern im mittleren Alter mit einem niedrigen Spiegel des Sexualhormons Testosteron etwa sei häufig deren hektischer Alltag schuld: „Bei viel Stress wird die Produktion des Testosterons unterdrückt.“ Betroffene fühlen sich müde und energielos. Für Konrad noch kein Grund, das Hormon künstlich zuzuführen – sondern eher, den Lebenswandel zu überdenken. „Bei Frauen hingegen können extreme Belastungen im Alltag zu einem Ungleichgewicht der Hormone und in der Folge zu Zyklusstörungen führen“, sagt Konrad.

 

Konrad warnt zudem vor der Einnahme von Substanzen, die als „Antiaging-Hormone“ beworben werden, denn die können unangenehme Nebenwirkungen haben. So kann etwa das in den USA beliebte Dehydroepiandrosteron (DHEA) nicht nur bei Frauen zu Bartwuchs führen, sondern es erhöht vermutlich auch das Risiko für bestimmte Krebsarten.

Neben Krankheiten und einem ungesunden Lebensstil können zudem Umwelteinflüsse den Hormonhaushalt durcheinanderwirbeln. Dazu gehören Pestizide, Konservierungsmittel und Inhaltsstoffe von Plastik- und Verpackungsmaterialien, die über den Hautkontakt oder das Essen in den Körper gelangen. „Viele dieser Substanzen, die Hormonen von der Struktur her ähneln, können sich negativ auf den Organismus auswirken“, sagt DGE-Sprecher Weber.


Das wechselvolle Spiel der Hormone: Sie starten das Lustempfinden und bremsen es auch

Als Botenstoffe haben Hormone enormen Einfluss auf die Entwicklung des Menschen – seinen Körper und auch seine Psyche. Hildesheimer Ärzte wissen, was zu tun ist, wenn dabei etwas schiefläuft.

 

Von Norbert Mierzowsky

Mit einer Mini-Pubertät beginnt das Leben. Schon kurz nach der Geburt schaltet die Hormonproduktion bei Jungen und Mädchen in eine Art Probelauf, der bei Jungen deutlich schneller abgeschlossen ist. Dafür startet die eigentliche Pubertät bei Mädchen in der Regel ein Jahr früher. Die Pädiatrische Endokrinologin Dr. Constanze Lämmer vom Bernward-Krankenhaus ist auf die hormonelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Für sie werden Kinder dann zu Patienten, wenn die Pubertät deutlich zu früh oder zu spät einsetzt. Die Zeichen dafür sind einfach: Bei Mädchen beginnt das Wachstum der Brüste, bei Jungen der Hoden, die im Babyalter noch knapp so klein sind wie Erbsen.

Die körperliche Reife dauert dann zunächst jeweils fünf Jahre, bevor es mit der geistigen Reifephase losgeht, also der Zeit, in der die Kinder versuchen, sich von den Erwachsenen, insbesondere den Eltern, abzusetzen. „Schade ist nur, dass diese Phase meist in der Schule keine Berücksichtigung findet“, sagt Lämmer. In jedem Fall sei es gerade in der Pubertät wichtig, auf die richtige Ernährung und auch Bewegung zu achten. Besteht der Verdacht auf eine verfrühte oder verspätete Pubertät, können kurzzeitige Therapien mit Hormonen unterstützend wirken. In Deutschland gibt es derzeit nur rund 110 Endokrinologen für Kinder und Jugendliche.

Nach der Pubertät erleben Frauen den nächsten großen hormonellen Umbruch, wenn sie schwanger werden. Im höheren Alter sorgen die sogenannten Wechseljahre für hormonelle Turbulenzen. In beiden Fällen ist die Nachfrage nach hormonellen Medikamenten oder Therapien groß. „Es gibt immer wieder neue Phasen in der medizinischen Forschung“, sagt Dr. Karl-Heinz Noeding, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am Helios-Klinikum, mit Vorsicht, „aber nach dem, was wir heute wissen, soll man mit Hormon- oder Hormonersatztherapien äußerst vorsichtig sein.“

Frauen und Männer müssen ab einem bestimmten Alter einfach damit rechnen, dass ihre Hormonproduktion stark zurückgeht. Für die Folgen von hormonellen Mangelerscheinungen ist sein Kollege Dr. Apostolos Lekkos, Chefarzt der Helios-Klinik für Altersmedizin, der Experte. „Wenn jemand sein Leben lang auf Hochtouren läuft und Stresshormone produziert, ist er wie ein Dieselmotor, der nach langer Laufzeit plötzlich seine Grenze erreicht hat“, sagt er.

Die Folgen können Schlaflosigkeit, ein Burnout, aber auch eine Depression sein: „Die Diagnose ist nicht immer einfach, weil viele Faktoren zusammenkommen können.“ In jedem Fall empfiehlt er, die Muskulatur möglichst zu trainieren, wenn man noch ausreichend Hormone produziert. Und, treu seiner griechischen Herkunft, empfiehlt er eine mediterrane Ernährung mit Olivenöl, Schafskäse oder Fisch: „Hormone brauchen eben ihr Benzin.“

Die Hormon-Patienten in der Praxis des einzigen Endokrinologen in Hildesheim, der auch Erwachsene behandelt, Dr. Dirk Berger, sind meist zwischen 20 und 45 Jahre alt. Häufig geht es um Probleme mit der Schilddrüsenfunktion, um einen unerfüllten Kinderwunsch, um das Gefühl von Mattheit, Schwäche oder auch um Übergewicht.

Bei Älteren, Männern wie Frauen, kommen Potenz- und Libidoprobleme hinzu: „Die Menschen wollen so lange wie möglich fit und gesund sein, die Sexualität gehört heute einfach dazu.“ Beim Thema Gewicht empfiehlt er klassisch: richtige Ernährung und viel Bewegung. Beim Thema Kinderwunsch: bloß keinen Erzeugerstress. Beim Thema Schilddrüse lautet seine beruhigende Aussicht: In 90 Prozent ist sie gut therapierbar.

 

und mehr Hormone, oder sogenannte Botenstoffe, gibt es allein in Fettzellen.

Jahre ist das Alter, in denen bei Frauen die Wechseljahre beginnen können, häufig aber auch erst mit 50 oder später. Mit Ende 50 haben die meisten Frauen diese Phase hinter sich. Aber auch bei Männern wirkt sich der Abbau der Hormone körperlich stark aus.

wurde in den USA die Women’s Health Initiative (WHI), die bislang umfangreichste Studie über die Auswirkungen von Hormonmedikamenten auf Frauen in den Wechseljahren veröffentlicht. Demnach stieg der Anteil an Thrombosen, Brustkrebs und Herzerkrankungen.

Allergie

Auf die Pollen,  fertig, los

Die Zahl der Allergiker hierzulande ist extrem hoch. Man kann Allergien mittlerweile vorbeugen und Beschwerden mit neuen, flexiblen Methoden dauerhaft lindern. Nur eines sollte man nicht: Heuschnupfen auf die leichte Schulter nehmen.

 

Von Monika Herbst

Jeder vierte bis fünfte Deutsche hat eine oder mehrere Allergien. Mit Abstand am häufigsten sind dabei Reaktionen auf Pollen, gefolgt von Tierhaaren, Hausstaub und Schimmelpilzen. Deutlich seltener sind Allergien gegen Lebensmittel wie Erdnüsse, Eier oder Fisch. Die Zahl der Betroffenen in den westlichen Industrieländern stabilisiert sich mittlerweile auf hohem Niveau, nachdem sie zuvor jahrzehntelang stark zugenommen hat – vor allem bei Kindern.

Doch auch das Alter ist kein Schutz: „Früher hat man immer gesagt, im Alter trifft’s keinen mehr“, sagt Sonja Lämmel, Sprecherin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Das hat sich geändert: „Heute kann selbst bei einem 90-Jährigen eine Allergie erstmals auftreten.“ Viele Allergologen haben den Eindruck, dass Fälle mit Neuallergikern im Erwachsenenalter in der Praxis zunehmen, Zahlen gibt es dazu jedoch keine. Eine wirkliche Erklärung für diese Entwicklung haben Wissenschaftler ebenfalls noch nicht, doch in der Behandlung von Allergien hat sich viel getan. Die wichtigsten Tipps:

Wer Heuschnupfen hat, holt sich oft nur Medikamente in der Apotheke und verzichtet auf den Arztbesuch. Dabei wird die Asthmagefahr unterschätzt: „Mittlerweile liegt das Risiko eines Allergikers, Asthma zu entwickeln, schon bei 46 Prozent“, sagt die Hamburger HNO-Ärztin Dr. Christa Wilcke. Als sie vor 25 Jahren angefangen hat, lag die Zahl gerade mal halb so hoch. Dabei kann eine unentdeckte Asthmaerkrankung dramatische Folgen haben: „Die Gefahr, in einen schlimmen Asthmaanfall zu geraten, der tödlich sein kann, ist von außen nicht zu beurteilen. Es passiert zum Glück sehr selten, trotzdem besteht das Risiko. Deshalb sollte man mit Heuschnupfen auf jeden Fall zum Allergologen gehen – und zwar möglichst früh“, sagt die Ärztin.

Tatsächlich sind Allergien die häufigste Ursache von Asthma, allen voran die gegen Hausstaubmilben. Zwar können auch andere inhalative Allergien Asthma auslösen, aber Hausstaubmilben sind aus zwei Gründen besonders tückisch: „Der Körper wird das ganze Jahr über kontinuierlich belastet, und die Veränderungen passieren schleichend, teilweise unbemerkt“, sagt Dr. Jörg Kleine-Tebbe von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie.

Außerdem sind der Kot der Hausstaubmilbe und die Bruchstücke davon besonders klein. „Je kleiner die Allergene, umso leichter gelangen sie irgendwann in die Bronchien“, sagt HNO-Ärztin Wilcke. Viele Patienten wissen nicht, dass sie gegen Hausstaubmilben allergisch sind. Die Ärztin kennt die Fälle aus ihrer Praxis: Die Patienten sind unausgeschlafen, Schnupfen hält sich bei ihnen hartnäckig und sie müssen morgens oft niesen. Ihre Atemwege sind durch die ständige Allergenbelastung überempfindlich. Viele neigen zu Bronchialerkrankungen.

Wer frühzeitig mit einer Hyposensibilisierung beginnt, hat gute Chancen, die allergischen Symptome zu lindern und möglicherweise eine Asthmaerkrankung zu verhindern. Bei einer Hyposensibilisierung oder spezifischen Immuntherapie wird der Körper langsam an den Allergieauslöser gewöhnt, damit er lernt, nicht mehr darauf zu reagieren. Bislang haben die Patienten in der Regel über drei Jahre anfangs wöchentlich, später monatlich eine Spritze bekommen. Sie mussten dafür zum Arzt. Vielen war das zu aufwendig. Inzwischen gibt es als Alternativen entweder Tabletten oder Tropfen, die man täglich zu Hause nimmt, oder eine Kurzzeit-Hyposensibilisierung. Dabei wird das Allergen in der Regel vor der Pollensaison über vier Wochen vier- bis achtmal in steigender Dosis gespritzt. Lohnt sich der Aufwand? „Je jünger die Patienten sind und je weniger Allergien sie haben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Hyposensibilisierung wirkt“, sagt der Lungenfacharzt und Allergologe Professor Roland Buhl von der Unimedizin Mainz. Lämmel vom DAAB rät auch Erwachsenen zu einer Hyposensibilisierung. Je kürzer die Allergie besteht, desto größer sind die Erfolgschancen.

Für Patienten, die bereits an allergischem Asthma erkrankt sind, wird die Hyposensibilisierung laut Buhl mittlerweile ebenfalls empfohlen: „Man kann die Erkrankung nicht heilen, aber so bessern, dass man sie im Alltag weniger merkt.“

Es gibt in Deutschland vier bis fünf Millionen Asthmatiker. Häufiger als bei Erwachsenen tritt Asthma bei Kindern auf, jedes zehnte Kind ist betroffen. Die gute Nachricht: „Bei vielen von ihnen verwächst es sich in der Pubertät“, sagt Lungenfacharzt Buhl. Bei den meisten anderen ist das Asthma gut kontrollierbar: „Etwa die Hälfte der Asthmapatienten in Deutschland haben nur eine leichte Form der Erkrankung“, sagt der Experte. Für diese Patienten reicht zur Behandlung ein Basismedikament mit niedrig dosiertem Kortison zum Inhalieren, dass die Bereitschaft zur Allergie drosselt und verhindert, dass sich die Bronchien dauerhaft verengen. Dazu kommt ein Notfallmedikament, das bei Atemnot die verengten Bronchien erweitert.

Betroffenen ist oft nicht klar, dass es sich bei Asthma um eine chronische Krankheit handelt. Sie lassen die Medikamente weg, sobald sie sich besser fühlen, und nach zwei, drei Wochen beginnt alles von vorn. Wenn man den Allergenen dauerhaft ausgesetzt ist, wie bei Hausstaub, sollte man auch das Basismedikament dauerhaft verwenden. Ein Pollenallergiker kann dagegen außerhalb der Pollensaison darauf verzichten. Das Problem: Kortison hat nicht den besten Ruf. Patienten fürchten Nebenwirkungen wie Osteoporose, Gewichtszunahme oder grauen Star. Buhl kann sie beruhigen: „Bei inhaliertem Kortison passiert das nicht. Dabei tritt lediglich manchmal Heiserkeit oder Kratzen im Hals auf.“ Ausgelöst werden diese Nebenwirkungen allerdings auch durch Fehler beim Inhalieren, die oft vorkommen. Er rät, sich das Inhalieren vom Arzt genau zeigen zu lassen oder im Internet auf der Website der Atemwegsliga das Erklärvideo dazu anzusehen. (www.atemwegsliga.de/richtig-inhalieren.html).

 


Das Immunsystem lernt dazu – doch das ist nicht immer ein Vorteil

Manchmal reagiert der Körper fälschlicherweise auf alltägliche Stoffe – etwa auf Pollen in der Luft oder Nüsse im Essen.

 

Von Andrea Hempen

Der Fall der Mauer war nicht nur politisch eine Sensation – auch medizinisch. Denn das Ende des geteilten Deutschlands brachte Tatsachen ans Tageslicht, mit denen Wissenschaftler kaum gerechnet haben. In der DDR litten nur halb so viele Menschen an Allergien wie im Westen. Die Allergieforscherin Erika von Mutius aus München brachte die Wahrheit ans Licht. Eigentlich war die Medizinerin in die ehemalige DDR aufgebrochen, um zu beweisen, dass Luftverschmutzung wie in Leipzig und Bitterfeld Schuld an Allergien und Asthma sind.

Doch dem war gar nicht so. „Wir sind so empfindlich, weil wir so behütet aufwachsen“, erklärt Professor Dr. med. Michael Tronnier, Chefarzt der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie im Helios Klinikum. Ein Kind, das etwa auf einem Bauernhof aufwachse, Kontakt mit Tieren, Stroh, Pollen habe, sei weniger anfällig, als andere Kinder. Legen Eltern besonders viel Wert auf Hygiene, riskieren sie, dass der Körper ihres Kindes sich gegen verschiedene – auch alltägliche – Stoffe wehrt

Mikroben, Bakterien und Viren aus dem Kuh- oder Hühnerstall beispielsweise sind Trainer für das Immunsystem. Das erkennt nämlich, dass die Stoffe, die ihm ständig begegnen, ganz normal sind. Dass Katzenhaare oder Pollen keine Gefahr darstellen, gegen die der Körper sich wehren muss. Denn Asthma und Allergien sind Überreaktionen des Immunsystems auf verschiedene Stoffe, die dem Organismus eigentlich nichts ausmachen sollten.

Auch die Genetik spielt eine große Rolle, wie Tronnier erklärt. Das Risiko, dass das Kind Allergiker wird, steigt, wenn es die Eltern ebenfalls sind. „Die Bereitschaft, Allergien zu entwickeln wird vererbt“, erklärt Tronnier. Doch auch da lasse sich etwas gegensteuern, wenn nämlich die Mutter ihr Baby lange stillt. In der Muttermilch ist kein Kuhmilcheiweiß enthalten, sie ist somit in aller Regel nicht allergieauslösend.

Sind die Anlagen zur Allergie jedoch vorhanden, sollten im Haushalt möglichst keine felltragenden Haustiere leben. Die eiserne Regel laute vor allem: Keine Katze! Während sich so manch ein Organismus an den Hund im Haus gewöhnt, trete dieser Fall bei Katzen niemals auf. Atemwegsbeschwerden und Hautreaktionen können die Folge sein.

Das Immunsystem ist ein lernendes System, erklärt der Chefarzt. Das heißt, vor allem in den ersten Lebensjahren entscheidet der Körper, ob er eine „überschießende Abwehr“ gegen einen bestimmten Stoff aufbaut oder nicht. Ist das der Fall, reagiert der Körper bei Kontakt mit einer laufenden Nase, juckenden Augen oder Quaddeln auf der Haut. Trifft der Organismus lange nicht auf den Stoff, auf den er so heftig reagiert, kann die Allergie schwächer werden. „Es gibt sogar Allergien, die passiv werden“, erklärt Tronnier. Doch in Fällen von Hausstaub und Pollen sei das eher nicht möglich.

Sehr wohl ist es indes manchmal nötig, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Hühnerei, Kuhmilch oder Sesam können bei Kindern Allergien hervorrufen. Aber nur etwa vier Prozent der Mädchen und Jungen im Alter von zehn Jahren haben eine Nahrungsmittelallergie. Weit höher sind die Zahlen bei Asthma mit neun Prozent, trauriger Spitzenreiter ist die Neurodermitis mit 17 Prozent. „Die Neurodermitis gehört in die Schublade der Allergien als fehlgeleitete Immunreaktion“, erklärt Tronnier. Allerdings gebe es dafür keinen konkreten Auslöser.

In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts mussten sich weniger Kinder mit dieser sehr belastenden Allergie herumschlagen. Heute sind es sechsmal mehr Betroffene als nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch für diese Abwehrreaktion des Körpers könnte die Hygiene verantwortlich sein. Beobachtet wurde, dass mit Beginn der Pubertät die Symptome weniger werden. 70 Prozent der Betroffenen sind als Erwachsene sogar beschwerdefrei.

Anhaltend gefährlich ist die Allergie gegen Insektenstiche. In Deutschland sterben jährlich 20 Menschen an den Folgen eines Stiches.

Betroffene können sich unter Umständen desensibilisieren lassen. Im Krankenhaus wird dann eine Toleranz erzeugt, die mitunter ein Leben lang wirkt. Dennoch bleibt für viele diese Allergie problematisch, weil die Menschen große Angst vor den Insekten haben, panisch werden und um sich schlagen. Eine Insektengiftallergie entwickelt sich langsam. Ist die Haut nach einem Stich von Wespe oder Biene besonders stark geschwollen, sollten Betroffene sich von einem Arzt beraten lassen. Bei sehr hoher Empfindlichkeit droht ein anaphylaktischer Schock – dann besteht akute Lebensgefahr.

Erika von Mutius ist für ihre Forschungen in Sachen Allergie und Asthma 2013 mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet worden. Die Zahl der Allergiker in der ehemaligen DDR hatte sich zu dem Zeitpunkt schon dem Westniveau genähert. Auch in Leipzig und Bitterfeld. 29 Jahre nach dem Fall der Mauer bleibt dennoch ein Unterschied. Die Zahl der Allergiker ist im Westen immer noch ein bisschen höher als im Osten.

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Prozent aller Ärzte tragen den Zusatz „Allergologie“. Das ergab eine Erhebung der Kassenärztlichen Vereinigung 2016. Der hohen Anzahl der Betroffenen, 30 Prozent der 18 bis 79-Jährigen, steht demnach nur eine geringe Zahl an Spezialisten gegenüber.

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Prozent der Westdeutschen litten Anfang der 1990er Jahre unter Heuschnupfen. In der ehemaligen DDR waren nur 5,8 Prozent von der Allergie betroffen.

Euro zahlt ein Pollen- allergiker jährlich. Darin enthalten sind die Behandlungskosten und auch die indirekten Kosten, die etwa durch Arbeitsunfähigkeit entstehen.

Gelenke

Die Genetik ist ein Faktor bei Arthrose

Wie kann man Gelenkverschleiß und damit einhergehenden Schmerzen vorbeugen? Schadet zu viel Sport? Und wie lassen sich Rheuma, Gicht und Arthrose voneinander abgrenzen? Fragen an Dr. Frank Gossé

Interview: Carolin Burchardt

Ein wesentliches Therapieprinzip bei Arthrosebeschwerden ist ja die Wärme an den Gelenken und den umgebenden Muskeln. Wenn man sich dann im Winter an der kalten Luft aufhält, wird genau das konterkariert. Mit Hausmitteln wie Kniewärmern aus Lammfell kann man da gut entgegenwirken. Am meisten spielt Wärme eine Rolle an der Wirbelsäule, weil man da an die Gelenke nur schwer drankommt und die umgebenden Muskeln die Wärme mit Schmerzlinderung quittieren. An der Wirbelsäule manifestiert sich die Arthrose am häufigsten.

Da sind sich die Forscher uneinig, ob wirklich Maximalbelastung zu mehr Arthrose führt. Aus dem Hochleistungssport weiß man, dass Leute, die ganz viel Krafttraining machen und ganz besonders viele Erschütterungen auf ihre Gelenke bringen, tatsächlich häufiger Arthrose haben. Das lässt sich jedoch nicht auf den Durchschnittsmenschen übertragen. Schwerpunktmäßig sind aber ganz klar die Körperbereiche betroffen, die durch das Stehen, Gehen und durch das Belasten mit dem eigenen Körpergewicht vermehrt gefordert sind, also Füße, Knie, Hüfte und die Wirbelsäule.

Das ist eine ganz schwierige Frage, die auch viele Patienten stellen. Vorab: Etwas tun, damit es erst gar nicht zu Arthrose kommt, kann man wahrscheinlich nicht, denn bei dem größten Teil der Arthrosen weiß man gar nicht, warum sie entstehen. Da ist der genetische Faktor sicher entscheidend. Bei Arthrose nimmt ja der Knorpel ab, der seine gesamten Nährstoffe nur über die Gelenkinnenhaut und die Gelenkflüssigkeit bekommt. Eine ernst zu nehmende Theorie ist, dass die Beschaffenheit und Qualität der Gelenkflüssigkeit sehr unterschiedlich von Patient zu Patient ist und manche Menschen, die durch eine schlechtere Qualität ihrer Gelenkflüssigkeit ihre Knorpel dann schlechter ernähren können, eher eine Arthrose bekommen.

Ganz harte Daten gibt es nicht. Liegt das Körpergewicht aber jenseits von 130 oder 140 Kilogramm, dann machen die Gelenke das nicht lange mit. Ein Mensch, der stark übergewichtig ist, bewegt sich oft auch weniger, weil es für ihn anstrengender ist. Weniger Bewegung heißt aber für den Knorpel auch weniger Ernährung, da er sich nur ernähren kann, wenn er richtig durchgewalkt wird. Die Hypothese wäre, dass durch die wenige Bewegung die Arthrose gefördert wird.

Zu den Klassikern gehören Fliesenleger oder Bergleute, die in sehr tiefen Kniebeugepositionen arbeiten. Das bedeutet eine erhebliche Belastung der Knorpelscheiben in den Knien. Für diese beiden Berufsgruppen gilt ein solcher Knieverschleiß auch als Berufskrankheit.

Das, was am häufigsten an den Gelenken wehtut, ist der Verschleiß, also die Arthrose. Die rheumatoide Erkrankung des Gelenkes, die Arthritis, macht andere Symptome. Im Spätstadium kommt es zwar häufig auch zu Gelenkschmerz, aber vorher gibt es Schwellungen, Überwärmungen oder Steifigkeit bereits am Morgen.

Der Arthrosepatient hat klassischerweise erst Beschwerden, wenn er sein Gelenk schon über einen längeren Zeitraum belastet hat oder aber auf den ersten paar Metern. Wir sprechen da vom sogenannten Anlaufschmerz.

Bei der Arthrose  legt der Körper das Gelenk von selbst als Schutzmechanismus steif, damit es nicht wehtut. Wir als Orthopäden sprechen von der wohltuenden Versteifung im Alter. Das kann man auch künstlich herbeiführen. Allein bei den operativen Eingriffen gibt es  die Möglichkeit, die kaputten Gelenke durch Kunstgelenke zu ersetzen.

Ist eine Arthrose im Gang, lässt sie sich nicht mehr zurückdrehen. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass alternative Heilmethoden die Symptome behandeln oder lindern können. Das liegt aber auch daran, dass derartige Studien gar nicht aufgelegt werden. Grundsätzlich gilt die Regel: alles machen, was hilft.

Vitamin E gilt als relativ erfolgversprechendes Therapeutikum. Für den Einsatz von Vitamin E oder auch Hyaluronsäure gibt es zahlreiche Studien, die aber keine eindeutigen Erfolge nachweisen. Wenn aber die Alternative ein Kunstgelenk ist, dann ist es völlig legitim, vorab derlei Methoden auszuschöpfen.

Genau, oder die künstliche Versteifung.

Es gilt, die Reizung der Gelenkhaut zu behandeln, mit Schmerzmitteln oder Kühlung. Eine weitere Möglichkeit ist, etwas Kortison zu spritzen. Das unterdrückt die Reizung der Gelenkinnenhaut und hilft in Kombination mit einem Schmerzmittel sehr viel unmittelbarer bis hin zur Schmerzfreiheit im akuten Schub. Letztlich wird der Schmerz dabei nur ausgeschaltet und das Gelenk dann so weiterbelastet, als wäre es gesund. Das ist für die Arthrose alles andere als günstig.

Sportarten mit weichen und fließenden Bewegungen, Yoga zum Beispiel.

Wenn der Leidensdruck des Menschen so hoch ist, dass er kein normales Leben führen kann, und andere vernünftige Methoden ausgeschöpft sind.

Zur Person

Dr. Frank Gossé ist seit 2009 Chefarzt des Departments Wirbelsäulenchirurgie und konservative Orthopädie am Diakovere Annastift in Hannover. Zu seinen Spezialgebieten zählen nicht operative Behandlungen von Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, Sportmedizin, Operationen von künstlichen Hüft- und Kniegelenken, Bandscheiben- und Wirbelsäulenoperationen sowie die Behandlung von Osteoporose und Rheuma-Erkrankungen. Privat ist Dr. Gossé passionierter Volleyballer und Kitesurfer.

Fitness

Weg vom Kalorienzählen

Freizeitsport wird anstrengender: Hochintensives Training ist angesagt. Der Hamburger Fitnesscoach Georg Kramer kritisiert, dass bei dem „höher, schneller, weiter“ die Grundlagen vergessen werden. (Foto: iStock)

 Interview: Monika Herbst

Das Training wird immer intensiver. Der Trend geht von lang und langsam hin zu kurz und heftig, zum sogenannten hochintensiven Intervalltraining (HIIT). Typisch ist das Zirkeltraining in kleinen Gruppen ab fünf Leuten, das vielfach auch draußen stattfindet. Das ist toll für Leute, die den ganzen Tag im Büro sitzen: Sie kommen an die frische Luft, können vielleicht im Park unter Bäumen trainieren und erzielen einen positiven Effekt für ihr Immunsystem. Im Dunkeln wird es für den Trainer allerdings schwierig, die Bewegungen der Teilnehmer zu sehen und sie zu korrigieren. Und auch für die Trainierenden selbst sind komplexe Übungen mit eingeschränkter visueller Orientierung schwieriger umzusetzen.

Die Teilnehmer führen eine Übung wie beispielsweise gesprungene Kniebeugen zwischen 40 und 60 Sekunden aus, anschließend machen sie zehn bis 30 Sekunden Pause. Die Übungen sind anstrengend, die möchte man auch keine Sekunde länger machen, als über die vorgegebene Zeit.

Es ist effizienter. Die Leute haben schneller Erfolge, zum Beispiel beim Muskelaufbau und beim Kalorienverbrauch. Wenn jemand locker um die Alster joggt, braucht er deutlich mehr Zeit und hat trotzdem nicht diesen Effekt. In der Regel ist beim hochintensiven Intervalltraining der Kraftreiz auf die Muskulatur höher, außerdem werden Explosivität, Koordination und Ausdauer trainiert.

Man kann die Belastung für so einen Zirkel sehr unterschiedlich wählen. Je nach Fitnesszustand der Teilnehmer kann ich die Übungen variieren: Kniebeugen werden – zum Beispiel für Ältere – leichter, wenn diese sich bei der Ausführung festhalten können, und sie werden – für gut Trainierte – schwerer, wenn diese mit Zusatzlast arbeiten oder in die Streckung zurückspringen. Der Widerstand ist variabel, deshalb ist diese Trainingsform alterslos. In der Praxis läuft es oft anders: Der Trend geht Richtung höher, schneller, weiter. Dabei geht es immer um die Performance, um die Last, die man bewegt. Hinterher muss man mindestens aus dem Trainingsraum kriechen. Dabei sollte der erste Schritt immer sein, dass die Leute sich gut bewegen, und erst im zweiten Schritt sollte es um den Output gehen. Doch das tritt bei dieser Hau-drauf-Mentalität in den Hintergrund. Auch übergewichtige und ältere Menschen können Intervalltraining machen, es muss aber entsprechend angepasst werden.

Diese Frage wird mir relativ häufig gestellt, aber es gibt keine generell beste Übung. Das ist immer abhängig von der jeweiligen Konstitution. Zu welcher Leistung ist jemand überhaupt in der Lage? Was ist sein Ziel? Wenn jemand beim Bankdrücken viel Gewicht schaffen will, ist es nicht das tollste Training, wenn er um die Alster rennt. Für einen, der Marathon laufen will, ist es dagegen genau das Richtige. Und man muss Freude dabei haben: Wenn jemand mehrmals die Woche ein Training macht, das er hasst, dann ist er voll mit Stresshormonen. Der Klassiker bei den Empfehlungen ist der Burpee (Liegestütz und Hochspringen im Wechsel; Anm. D. Red.). Ja, ich kann die Leute mit Burpees voll zerstören, ja, ich kann mit Burpees effizient viele Kalorien verbrennen, aber es kann beim Burpee sehr schnell auch viel schiefgehen, denn die wenigsten sind fit genug dafür. Normal sind dabei ein krummer Rücken, fehlende Körperspannung und eine schlechte Landung.

Ich versuche herauskriegen, was hinter diesem Wunsch steckt. Wenn jemand sagt, er will abnehmen und seinen Bauch loswerden, dann frage ich, warum. Viele sagen dann, sie sind unzufrieden mit sich. Wenn jemand ohnehin schon frustriert ist und Stress hat, muss ich nicht durch das Training noch mehr Stress draufpacken. Wenn jemand abends Frustpizza oder -schokolade isst, dann ist es egal, was wir im Training gemacht haben und ob wir 100 Kalorien mehr oder weniger verbrannt haben. Wenn jemand 20 Kilo Übergewicht hat, kommt das ja nicht dadurch, dass er sich zu wenig bewegt hat, sondern er hat in aller Regel zu viel gesessen. Da kann ich davon ausgehen, dass seine Bewegungsmuster auch nicht gut sind. Bevor ich da draufhaue, möchte ich erst mal sicherstellen, dass die Bewegungen funktionieren. Die Leute sollten mehr auf ihr Bauchgefühl hören und sich selbst überlegen, was ihnen guttut und was nicht. Sätze vom Trainer wie „No pain, no gain“ sind Blödsinn. Das Training kann anstrengend sein, aber es soll nicht permanent wehtun. Ziel sollte nicht sein, in kürzester Zeit Gewicht zu verlieren und Muskeln aufzubauen, sondern sich dafür die nötige Zeit zu nehmen, um frei von Beschwerden und Verletzungen zu bleiben.

Lange Distanzen gehen, sprinten, springen, werfen, tragen, hangeln, uns hochziehen, schwere Lasten heben – dazu ist unser Körper eigentlich in der Lage. In unserem bewegungsarmen Alltag gehen diese Fähigkeiten jedoch verloren. Sie zu erhalten ist wichtig, um gesund zu bleiben und den Herausforderungen des Alltags zu begegnen. Ich hatte mal einen Kunden, der hat erzählt, dass ihm mein Training wahrscheinlich einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt erspart hat. Er ist eine große Treppe im Halbdunkeln hinuntergerannt, in der einen Hand hatte er einen Mantel, in der anderen eine Tasche. Er ist ins Straucheln geraten. Früher wäre er dabei gestürzt, da war er sich sicher. Durch das Training war er in der Lage, sich in der Bewegung wieder zu stabilisieren. Es muss nicht so extrem sein, manchmal ist es auch nur das Kind, das aus vollem Lauf auf einen zuspringt und das man auffangen will, oder der Umzug, für den man schwere Kisten in den vierten Stock oder wackelige Möbelstücke um die Ecke tragen muss.

Sie sitzen alle zu viel und bewegen sich zu wenig. Man kann das viele Sitzen nicht mit zwei- oder dreimal Training pro Woche ausgleichen, sondern sollte auch jeden Tag mehr gehen.

Liegestütz auf Knien (10-mal)

Trainiert: Brust, hintere Oberarmmuskulatur/Trizeps, Schulter, Rumpf

Ausgangsposition: Die leichteste Form des Liegestützes. Die Hände befinden sich unter dem Schultergelenk, die Knie liegen auf dem Boden. Die Ellbogen sind möglichst nah am Körper.

Ausführung: Brust und Bauch anheben, die Hüfte behält lange Bodenkontakt. Den Oberkörper vollständig nach oben drücken. Sind die Arme ganz durchgedrückt, den Po erst nach hinten schieben, dann wieder nach vorn.

Hüfte senken, Hüfte, Bauch und Brust nacheinander auf den Boden abrollen. Kontrollieren, ob die Hände unter den Schultergelenken stehen.

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