Die Schwarze Szene Europas

trifft sich in Hildesheim

Jedes Jahr im August verändert sich an einem Wochenende das Stadtbild von Hildesheim. Dann sind hier viele Menschen mit schwarzen Roben und aufwendiger Schminke unterwegs. Das M’era Luna-Festival lockt jährlich rund 25.000 Fans von Gothic, Dark Wave, Electro, Mittelalter und Metal in die Stadt. Der Flugplatz bietet dann Raum für eines der größten Musikfestivals seiner Art.

 

 

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Wie alles begann

Die Anfänge des Festivals in Hildesheim

So kam das M’era Luna nach Hildesheim

 

Seit 2000 gibt es das M’era Luna in Hildesheim. Doch schon vorher feierten die Mitglieder der Schwarzen Szene in der Stadt das Festival Zillo – nämlich ab 1996. Aber wie ist das Festival hierhergekommen?

Dazu haben vor allem die Hildesheimer Heinz Habenicht und Klaus Wilhelm beigetragen. Habenicht war damals Geschäftsführer der Flugplatz Hildesheim GmbH, Wilhelm Geschäftsführer des Vereins für Kunst und Kultur Vier Linden. Seit 1993 veranstaltete das alternative Musikmagazin Zillo das nach ihm benannte Festival. Zuletzt 1995 auf dem Opel-Gelände in Rüsselsheim. Das Gelände sollte umgebaut werden. Folge: Das Zillo brauchte einen neuen Ort. Rainer „Easy“ Ettler, der damalige Herausgeber des Magazins, ging auf die Suche nach einem geeigneten Platz.

Klaus Wilhelm war in der Schwarzen Szene zu Hause und erfuhr so von den Umzugsplänen. Gemeinsam mit Ettler und Habenicht brachte er das Festival nach Hildesheim. Das Gelände wurde zu einer Pauschale vermietet. Ettler schloss die Verträge mit den Künstlern ab. Der Verein für Kunst und Kultur – später das Veranstaltungsbüro Octopus – unter der Regie von Wilhelm kümmerte sich um die örtlichen Belange.

Seit 2000 ist nicht mehr Zillo der Veranstalter, sondern FKP Scorpio Konzertproduktionen aus Hamburg. Das Festival heißt seitdem M’era Luna. Anfangs kamen um die 7000 Besucher nach Hildesheim – mittlerweile ist das Festival europaweit bekannt. Neben dem Wave-Gotik-Treffen, das jedes Jahr in Leipzig stattfindet, ist es eines der größten Festivals der Schwarzen Szene.

 

 

Woher hat das Festival seinen Namen?

Schwarz gekleidet sind die Besucher und die Musik ist laut – das weiß man vom M’era Luna. Doch was bedeutet der Name eigentlich? Die Veranstalter haben mit dem Festival-Namen ein Kunstwort geschaffen. Seine Bedeutung kennen sie nach eigenen Angaben selber nicht so genau. Sie wissen bloß, dass der Name irgendwas mit dem Mond zu tun hat (Luna) und vielleicht mit dem „era“, was auf Spanisch und Italienisch Zeitalter bedeutet, im Griechischen auch der Tag. Und im Spanischen heißt der Satz „Schau mal, der Mond“.

Kenner der Hildesheimer Musikszene erinnern sich daran, dass das Wort einmal zu später Stunde erfunden wurde, dass „M'“ die Abkürzung für „mein“ sein könnte, also das Ganze „Mein Mondtag“ heißt oder „Meine Zeit mit dem Mond“.

 

 

 

 

Schwarze Szene: Wer gehört eigentlich dazu?

Das, was man heute als Gothic wahrnimmt, hat mit den Anfängen nur noch wenig zu tun. Die Schwarze Szene definiert sich mehr und mehr über das gemeinsame Erleben der Vielfalt. Anfang der 1980er Jahre entwickelte sich zwischen Punk und New Wave ein neuer Musikstil, der Gothic-Rock. Bands wie Bauhaus und The Cure  gelten als bedeutendste Vertreter, auch weil sie die modischen „Vorgaben“ für das Erscheinungsbild der Goths lieferten.

Prägend für Gothic in Deutschland war die Neue Deutsche Todeskunst, eine Musikrichtung, die sich Anfang der 1990er Jahre aus dem Gothic Rock und dem Electro Wave (The Human League, Anne Clark) entwickelte. Deutsche Texte, theatralisch im Sprechgesang vorgetragen eroberten die Herzen vieler Fans.

Kurz vor Beginn des neuen Jahrtausends drang der Metal über die Alternativeszene in die Schwarze Szene vor. Damit einher ging eine groß angelegte Vermarktungswelle von Metalbands unter dem Label „Gothic“. HIM, Nightwish und Marilyn Manson wurden in dieses Schema gepresst. Die Gothic Metaller waren geboren. Erfolgreiche Vertreter dieses Genres, dessen Stil aus einer Mischung von Metal-Spielarten mit Gothic-Elementen oder Gothic-Erscheinungsbild besteht, sind ASP und Unheilig.

Schwarzes Festival präsentiert einen bunten Stilmix

Speziell auf den Festivals finden sich auch zahlreiche andere Stilrichtungen, die dem Gothic zugerechnet werden. Mittelalterbands wie Subway To Sally oder In Extremo sprechen zwar gewisse Facetten der Vorlieben von Goths an, sind aber nicht düster genug. Häufig anzutreffen sind Formationen aus dem Bereich der Electronic Body Music (EBM). Sie grenzen sich bewusst von den eher vergeistigten Goths ab und propagieren ein martialisches, männlichkeitsbetontes Auftreten. Vorreiter sind die Belgier von Front 242. Eine weitere Form der elektronischen Musik ist der Aggrotech oder Electro-Punk, zum Beispiel von Skinny Puppy oder Hocico. Neben den uniformiert wirkenden EBM-Fans kommen hier die Mitglieder der Cyber-Szene ins Spiel: Sie sind die buntesten Vertreter, die man beim M’era Luna sehen kann. Neonfarben, Gasmasken, Schutzbrillen und künstliche Dreadlocks sind ihr Erkennungsmerkmal.

 

 

 Startschuss für das M’era Luna in Hildesheim:

 

wird das erste Festival gefeiert.

 

 Das M’era Luna lockt mittlerweile jährlich etwa

 

Menschen nach Hildesheim.

 

 Jedes Jahr sind bei dem Festival in Hildesheim etwa

 

Bands und Künstler dabei.

Mehr als nur Musik

Von Mittelaltermarkt bis Modenshow

Das M’era Luna-Festival hat sich über die Jahre zum Treffpunkt der Schwarzen Szene Europas entwickelt, weil es mehr zu bieten hat als gute Musik. Die Besucher freuen sich auf ein Gesamtpaket mit Modenshows und verschiedenen Händlern auf dem Mittelaltermarkt:

 

Kunst, Kostüme und Knobi-Brot

Feuerkünstler werfen ihre Fackeln in die Luft, Pilze schmoren in großen Pfannen, der Duft von Knobi-Brot und Shisha-Tabak liegt in der Luft. Während die Festival-Besucher beim Mittelaltermarkt am Lagerfeuer bei Klängen von Dudelsack und Schlagwerk zusammensitzen und Met trinken, preisen die Händler ihre Waren an: Keltische Amulette, Totenschädel, extravagante Stiefel, Schmuck und alles, was die Kostüme sonst noch verschönert, liegt auf den Tischen aus.

Manche Händler gestalten ihre Waren auch direkt vor Ort: Denn Gold- und Silberschmiede, Steinmetze, Riemenschneider, Instrumentenbauer und Seifer dürfen auf einem echten Mittelaltermarkt nicht fehlen. Die Festival-Besucher können ihnen bei der Arbeit zusehen.

Wer möchte, kann auch die Dienste von einem Ablasshändler und von einer Kuppelei in Anspruch nehmen. Ein Gaukler unterhält das Publikum.

 

 

Trends aus Lack und Leder

Wer nach Ideen für sein nächstes Festival-Outfit sucht, kann sich bei einer der Modenshows inspirieren lassen. Tragbare Mode und Ausgefallenes für die Bühne wird jedes Jahr in der Händlermeile und im Disko-Hangar präsentiert.

Dazu gehören aufwendige Roben, fantastischer Kopfschmuck und vielseitige Outfis im Military Look. Männliche und weibliche Models führen außerdem Korsagen und Dessous aus Lack und Leder vor. Schwarz dominiert – aber teilweise treten die Models auch bunter auf.

Die Shows bieten Designern aus der Gothic-Szene in ganz Europa die Möglichkeit, ihre neuesten Kreationen auf den Laufsteg zu bringen. Slacks Fashion, Schnittmuskel und Videnoir gehören zu den Labels, welche die Besucher des Festivals kennenlernen können.

 

Was hat das Festival zu bieten?

Das sagen Besucher und Hildesheimer

Interview mit einem Festival-Fan:

Björn Klapprott ist seit 2001 regelmäßiger Gast auf dem M’era Luna-Festival. 2005 hat der Informatiker und Softwareentwickler die Website Schwarzes-Hildesheim.de entwickelt, deren Funktion als Infobörse für die Community inzwischen von Facebook abgelöst worden ist. Er ist Musikkritiker und DJ. Klapprott ist verheiratet.

Sind Sie ein Gruftie, Herr Klapprott?
Nein, ich bin ein Musik-Fan.

Aber Sie tragen schwarz?
Ja. Aber ich gehöre zu den unauffälligen Gothic-Fans und bin wegen der Musik in der Szene unterwegs. Ich mag aber die Kostümierungen, schaue die gut gekleideten Damen und Herren gerne an.

Wie haben Sie zu dieser Musik gefunden?
In den 80ern sind wir im Ablöseprozess von den Eltern mit New Wave, Synthie Pop und Neuer Deutscher Welle großgeworden. Diese Richtungen leben zum Teil in der schwarzen Szene weiter und haben sich weiter entwickelt. Depeche Mode oder Joachim Witt, der vergangenes Jahr bei M’era Luna in Hildesheim aufgetreten ist, werden heute noch von den Gothic Fans gern gehört. Auch die frühen Sisters of Mercy waren stilprägend für das Genre und sind dieses Jahr Headliner bei M’era Luna.

Aber warum gelten diese Musik und deren Botschafter als düster?
Das ist vielleicht das falsche Wort. Ich würde es nachdenklich-melancholisch nennen. Das mit der Todessehnsucht ist auch ein Klischee. Die Leute, die ich kenne, sind lustig und fröhlich. Die No-Future-Einstellung aus den 70ern und der zerstörerisch-aggressive Punk wurden von Gothic und den nachdenklichen Geschichten über das Leben mit eher ruhiger Rockmusik abgelöst.

Und warum tragen die alle schwarz?
Die Optik stammt von den Musikern auf der Bühne in den 80ern. Die Fans wollten auch so aussehen. Auch die Vorliebe für Vampirkult und Horrorfilme haben dazu beigetragen, später die Mittelalterszene. In den letzten Jahren hat sich bei jüngeren Fans der Neonlook etabliert. Diese schmücken sich mit Knicklichtern, Gasmasken und schrillen Farben in Haaren und Klamotten. Die Musik dazu liefern Bands wie beispielsweise Noisuf-X. Es gibt Nachwuchs auf und vor der Bühne für die Gothic-Szene. Sie wird bestehen bleiben und sich weiter entwickeln.

Was fasziniert Sie an den Festivals?
Die Vielfalt der Genres, die dort in einen Topf geworfen werden. Das reicht von düsterem Gothic-Rock von Lacrimosa über Metal, wie ihn Gothminister auch in Wacken spielt, bis zu elektronischem Pop vom Beborn Beton oder  .P.O.C.K.. Dazu kommen die Dudelsäcke von In Extremo oder der Klassikstil von The Lord Of The Lost Ensemble.

M’era Luna gleicht ja mit dem Mittelaltermarkt und den Fressbuden einem Jahrmarkt.
Ja, das sind die gleichen Buden wie beim Mittelalterfest am Hohnsensee. Inzwischen gibt es sogar Modeschauen. Kommerz gehört dazu.

Und Alkohol.
Ja, es wird getrunken. In der Mittelalterszene ist zum Beispiel der Met sehr beliebt. Einige trinken sehr viel, aber die verschwinden dann auf dem Zeltplatz und werden nicht mehr gesehen. Aber grundsätzlich wird das mit dem Alkohol bei M’era Luna nicht übertrieben.

Welche Veränderungen haben Sie in den vergangenen 15 Jahren bemerkt?
Die Veranstalter stellen sich auf älteres Publikum ein: Es gibt mehr Sitzmöglichkeiten und Biertischbereiche, mehr Komfort, besseres Catering. Ein gutes Angebot für ein zahlungskräftiges Publikum. Inzwischen kann man sogar Häuschen mit WLAN, Stromanschluss und Matratze oder fertig aufgebaute Zelte buchen. Aber die Mehrheit der 20000 bis 25000 Besucher zeltet natürlich selber.

Haben Sie beobachtet, wie das Thema Sicherheit behandelt wird?
Seit dem Love-Parade-Unglück sind zum Beispiel die Besucherzahlen reduziert worden. Die Veranstalter reagieren darauf. Als ich vor wenigen Wochen beim Amphi-Festival in Köln und zu Pfingsten traditionell beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig war, habe ich von strengeren Maßnahmen wegen der Terroranschläge nichts bemerkt. Taschenkontrollen hat es wegen Waffen und Flaschen ja schon immer gegeben.

Was haben die Konkurrenzstädte, was sie in Hildesheim vermissen?
Es gibt sowohl in Köln als auch in Leipzig Friedhofsführungen mit interessanten Vorträgen. Auch kann man dort mit dem Festival-Ticket andere Einrichtungen wie Museen besuchen. Schade, dass die Stadt Hildesheim das Festival nicht mehr nutzt.

Warum sind Sie seit 16 Jahren Stammgast auf allen Gothic-Festivals?
Seine Lieblingsband kann man immer wieder hören. Ansonsten ist solch ein Festival auch die Flucht aus dem Alltag. Das ist ein Ausgleich zu meinem Job. Es tut gut, ein schönes Wochenende mit Gleichgesinnten verleben zu können.
Interview: Martina Prante

Weitere Stimmen:

Pierre

Festival-Besucher

In Spanien ist das viel schlimmer. Da haben die Leute sogar Angst vor uns.

Alejandro Garcia

Festival-Besucher

Ursprünglich sollte noch die Traurigkeit in die Gesellschaft getragen werden. Mittlerweile ist alles zu einem Modetrend geworden.

Fetisch-Verkäufer

Anna

Festival-Besucherin

Denis Mertesacker

Festival-Besucher

Lina

Festival-Besucherin

Das M’era Luna ist das größte Treffen einer der tolerantesten und friedlichsten Szenen in der Festivallandschaft. Vorkommnisse, die auf anderen Festivals üblich sind, gibt es in der Regel beim M’era Luna nicht. Auch die Polizei wird bestätigen, dass das M’era Luna ein sehr friedliches Fest ist.

Jasper Barendregt

Director Festival Production bei der FKP Scorpio Konzertproduktionen

 

 

Joachim

Festival-Besucher

Dieter Brunotte

Polizist

Das M’era Luna ist das Wacken der Börde.

Jens Reulecke

Rockmusiker aus Hildesheim

Ein Gothic unterscheidet sich von einem Satanisten genau so, wie ein gelegentlicher Biertrinker von einem Alkoholiker.

Verfasser eines Leserbriefs

Es gibt ja dieses Klischee der Schwarzen Szene: Wir sind alle Emos und immer traurig und depressiv – so ist das aber gar nicht. Das Festival ist immer entspannt. Sogar die Polizisten sind entspannt.

Dirk Franke

Festival-Besucher

Man kann das Gefühl gar nicht beschreiben.

Jessica Franke

Festival-Besucherin

Peter Raven

Tankstellen-Inhaber

Und wie gut kennen Sie sich aus?

Das Quiz zum Festival

 

Videos

Das Festival präsentiert sich schwarz und bunt

Fotos vom Festival - eine kleine Auswahl

Das ist auf dem Gelände und auf den Bühnen los

Das M’era Luna 2018

Das erwartet die Besucher

Infos

Was Gäste wissen sollten

Fahrgelegenheiten:

Taxi
Taxi & Mietwagen
Telefon 05121/809040 oder 280790
Anrufsammeltaxi, Telefon 05121/66666

Bus
www.svhi-hildesheim.de
www.rvhi-hildesheim.de

Bahn
www.bahn.de

Tickets gibt es unter anderem im ServiceCenter der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung und auf der Website des Festivals.

Website:

www.meraluna.de

Weitere Informationen finden Sie auch hier.

Adresse:

Flugplatz Drispenstedt,
31137 Hildesheim

Texte: Martina Prante, Ralf Neite, Claus Kohlmann, Andreas Bode, Peter Hartmann, Rebecca Hürter

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