Heimat Hildesheim

Ist Heimat ein Ort, eine Region, ein Land, ein Kulturkreis? Oder überhaupt kein geografischer Begriff? Was bedeutet das Wort heute, in dieser schnelllebigen, globalisierten Welt – und wem bedeutet es was?

Die HAZ hat diese Fragen gestellt – und in sieben Folgen gibt es Antworten.

Heimat ist für mich ...

Die Protagonisten der HAZ-Serie im Video

„Heimat ist kein Begriff, der ausgrenzt“

Heribert Prantl im Interview

 

Heriber Prantl. Foto: Jürgen Bauer

Heribert Prantl, Journalist der Süddeutschen Zeitung, hat sich in seinen Texten oft mit der Bedeutung von Heimat auseinandergesetzt. Am Freitag spricht er in Hildesheim zu diesem Thema: als Europäer, als Deutscher, als Bayer, als Mensch.
Ein Gespräch über regionale Verbundenheit und gefühlsmäßige Identität.

 

Herr Prantl, Sie kommen als Bayer zum Niedersachsentag, um über Heimat zu sprechen. Reden wir da schon über einen Blick von außen oder umfasst Ihr Heimatbegriff auch den norddeutschen Raum?
Heimat ist für mich ein Grundgefühl. Es vermittelt die Sicherheit, nicht so schnell entwurzelt zu werden, wenn der Sturm kommt. Heimat ist etwas Großes, Verbindendes. Ich würde das nicht an einzelnen Regionen oder Landschaften festmachen.

Betrachten Sie also Deutschland insgesamt als Ihre Heimat? Oder Europa? Oder den westlichen Kulturkreis?
Franz-Josef Strauß, mit dem ich ansonsten nicht immer einer Meinung war, hat mal gesagt: „Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland und Europa unsere Zukunft.“ Das ist ein schöner Dreiklang und da ist viel Wahres dran. Wie eng man die Definition fasst, hängt vom Kontext ab. Wenn ich nach drei Wochen in Asien wieder europäischen Boden unter mir sehe, hat das eine andere Dimension, als wenn ich als Regensburger mit Menschen in München spreche.

Ist Heimat überhaupt ein Ort? Gehören nicht auch Kultur, Sprache, politisches System, Religion oder Weltanschauung zur Identifikationsfindung dazu?
„Heimat ist das, was ich schreibe“ – dieser Satz des böhmischen Schriftstellers Johannes Urzidil ist für einen Journalisten ein gutes Motto. Worüber schreibe ich? Über Demokratie und den Rechtsstaat, über Deutschland, über Europa. Das alles sind Elemente, aus denen sich mein Gefühl von Heimat zusammensetzt. Heute würde man vielleicht von der Heimat im Herzen sprechen.

Im Deutschen unterscheidet man zwischen „Vater- oder Herkunftsland“, „Zuhause“ und „Heimat“, wobei der letztgenannte Begriff wohl der emotionalste ist. In anderen Ländern gibt es diese Trennung nicht. Glauben Sie, dass das historische Gründe hat?
Ganz sicher sogar. Deutschland ist ein später Nationalstaat, hervorgegangen aus dem Heiligen Römischen Reich, einem zergliederten, kleinteiligen Zusammenschluss von Fürsten- und Herzogtümern. Da gab es keine große Einheit, sondern je nach Zusammenhang fühlte man sich mal seiner unmittelbaren Umgebung zugehörig, mal dem Land oder Staat.

Ich hatte eher an die Geschichte der Vertriebenen und ihren besonderen Bezug zur Heimat gedacht.
Auch das spielt sicher eine Rolle. Heimat ist ja weit mehr als die Umgebung, in die man zufällig geboren wurde. Heimat ist so etwas wie ein Lebensbegleiter, der einem eine Grundsicherheit gibt. Deshalb ist es auch so schwer, sich auf eine neue Heimat einzulassen.

Ist das Wort Heimat für Sie eher positiv oder negativ besetzt?
Sehr positiv. Es ist für mich eins der schönsten Worte der deutschen Sprache überhaupt. Es hat mich immer gestört, dass es häufig mit einem bräunlichen, ranzigen, halb-nazistischen Image in Verbindung gebracht wird.

Inzwischen ist der Heimatbegriff ja aber eher zum Spielball der Politik geworden. Jede Partei, so scheint es, verwendet ihn genauso, wie es zu ihrer Ausrichtung und ihren politischen Zielen passt: sozialpolitisch, umweltpolitisch und nachhaltigkeitsorientiert, konservativ-bewahrend. Ist Heimat so beliebig? Oder, positiver formuliert: so vielfältig?
Ich würde eher sagen: vielfältig. Die Parteien versuchen natürlich, sich das herauszuholen, was auf sie passt. Das ist auch in Ordnung, solange man Heimat als etwas Verbindendes betrachtet. So wie die Rechtsnationalisten sich das Wort zu eigen machen, ist es aber gefährlich. Heimat ist kein Begriff, der ausgrenzt.
Sie sprechen Dialekt. Ist das außerhalb von Bayern etwas, das Sie sofort mit Ihren Landsleuten verbindet?
Eine gefärbte Sprache, der man anhört, wo jemand herkommt, ist generell etwas Schönes. Wenn ich in Berlin oder Hamburg jemanden treffe, der bayrisch spricht, gibt es sofort ein Gefühl des Wiedererkennens. Miteinander Dialekt zu sprechen, hat etwas sehr Wohltuendes.

Wir haben für diese Serie zum Thema Heimat auch Menschen besucht, die Plattdeutsch sprechen. Das hier in der Region bis vor etwa 50 Jahren weit verbreitete ostfälische Platt droht von der Bildfläche zu verschwinden, weil nachkommende Generationen es nicht mehr beherrschen. Auch in Bayern lässt sich ja beobachten, dass zumindest der sehr ausgeprägte Dialekt auf dem Rückzug ist. Was macht das mit der regionalen Identität?
Ein Reichtum von Sprache gehört zum Reichtum von Heimat dazu. Wenn diese Vielfalt verloren geht, ist das sehr schade. In Bayern hat man das inzwischen erkannt. Dort legt man wieder mehr Wert darauf, mundartlich zu sprechen.

Vom Aussterben bedroht ist auch die deutsche Vereinskultur. Gerade dort wurden und werden ja oft regionale Kulturtechniken und Traditionen gepflegt. Junge Menschen scheinen sich dafür aber nicht mehr erwärmen zu können. Ist das aus Ihrer Sicht ein Problem – oder eine Entwicklung, die man hinnehmen muss?
Es gibt durchaus Vereine, die sehr lebendig sind und wissen, wie man junge Leute anspricht. Dass sich das Vereinsleben insgesamt auflöst, glaube ich nicht. Aber tatsächlich scheuen heute viele die langfristige Bindung. Sie engagieren sich eher in spontanen oder projektbezogenen Initiativen, die ein bestimmtes Ziel verfolgen. Ist das erreicht, löst sich die Gruppierung wieder auf.

Ist nur die Organisationsform das Problem oder auch die inhaltliche Ausrichtung vieler Vereine?
Unter jungen Menschen gibt es durchaus eine Rückbesinnung auf bestimmte Traditionen. Nehmen Sie hier bei uns in Bayern das Oktoberfest oder andere Volksfeste. In meiner Jugend hätten Sie mich für 100 Mark nicht dazu gebracht, dass ich Tracht getragen hätte. Meine Tochter dagegen war unheimlich stolz auf ihr erstes Dirndl.

Welchen Anteil hat das Internet, haben soziale Medien daran, dass gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen oft als eher kurzlebige Trends verlaufen, die zwar schnell eine weite Verbreitung finden, aber genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden?
Wir neigen dazu, alles, was wir nicht erklären können, auf das Internet und die sozialen Medien zu schieben. Die sind aber vor allem ein Weg, über den Kommunikation läuft und Menschen zusammenfinden. Ich bin nicht der Meinung, dass das Internet alles kaputtschlägt. Für mich hat es etwas Faszinierendes.

Ein Renner im Internet sind satirische Formate, die sich in der Machart oft sehr ähneln. Andere Humorformen dagegen scheinen sich überlebt zu haben, zum Beispiel solche, die sich über eine regionale Abgrenzung zu „den anderen“ definieren: Ostfriesenwitze, Ost-West-Witze, Schwabenwitze … Auch ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen nicht mehr so stark mit ihrer Heimatregion identifizieren?
Die Menschen sind beweglicher geworden, was ihre private und berufliche Mobilität angeht, aber auch im Kopf. Die Zeit, in der man diese Art von Humor brauchte, um sich seiner selbst zu vergewissern, ist vorbei. Man registriert durchaus die besonderen Eigenschaften von Menschen aus anderen Regionen, aber sie werden nicht mehr so sehr als fremd wahrgenommen. Bitter ist es allerdings, wenn solche Abschottungs-Witze heute auf Kosten von Migranten gemacht werden.

Genau diese beiden Stichpunkte, Mobilität und Migration, führen zu der Frage: Hat – und braucht – überhaupt jeder Mensch eine Heimat?
Man braucht ein heimatliches Bewusstsein, um sich öffnen zu können und Neugier zu entwickeln für andere Heimaten. Wer keine Heimat hat, ist arm dran. Entheimatet zu sein, ist eins der schlimmsten Gefühle überhaupt. Und die Angst davor wohl einer der Gründe, warum Menschen Populisten nachlaufen.

In einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung haben Sie vor einiger Zeit geschrieben, die Globalisierung der Arbeitswelt führe zum Gefühl der Austauschbarkeit jedes einzelnen und Flüchtlinge, die ins Land kommen, würden gewissermaßen als Boten eines Unglücks wahrgenommen, das auch gefestigteren Gesellschaften droht. Droht also der Verlust von Heimat?
Die Angst davor, nicht mehr mitzukommen, die Unsicherheit vor geänderten Lebens- und Arbeitsbedingungen, der Wandel zum Digitalen, das autonome Fahren – all das führt zu einem Gefühl galoppierender Unsicherheit. Und ja, wenn man davon ausgeht, dass Heimat für etwas steht, das Sicherheit gibt, dann ist das eine Form der Entheimatung.

Dafür haben wir ja jetzt ein Heimatministerium. Kurz vor seinem Amtsantritt als Heimatminister im März 2018 hat Horst Seehofer seine zukünftigen Aufgaben damit umrissen, für gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen zu sorgen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verbessern. Konkrete Gesetzesanträge dazu hat sein mit 144 Planstellen arbeitendes Ministerium aber bis heute nicht in den Bundestag eingebracht. Was genau machen die da eigentlich?
Das frage ich mich auch. Und das habe ich auch Horst Seehofer selbst gefragt, als wir mal beisammenstanden. Er sagt, das kommt alles noch. Aber wenn Sie mich fragen: Dieses Ministerium dient der CSU vor allem dazu, ihr Portfolio anzureichern. Ich sehe da keine Initiative, heimatliche Politik zu fördern. Was ist zum Beispiel mit der Mietpolitik? Die Leute haben Angst, ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen zu können, das ist ja quasi das erste Gehäuse von Heimatlichkeit überhaupt. Da müsste doch ein Heimatminister, der zugleich auch noch Wohnbauminister ist, mal eine Ansage machen.

Die hat stattdessen jetzt Kevin Kühnert gemacht, der Bundesvorsitzende der Jusos. Was sagen Sie zu seinem Vorstoß, jeder solle nur maximal den Wohnraum besitzen, den er selbst bewohnt?
Ich finde es gut, dass Kühnert eine Diskussion in Gang gebracht hat. Dass Grund und Boden zum Zwecke der Vergesellschaftung in Gemeineigentum überführt werden können, steht sogar im Grundgesetz, man kann da durchaus mal eine Debatte anstoßen. Dass er das Unternehmen BMW zu Kollektiveigentum machen will, ist allerdings völliger Unsinn.

Blicken wir auf die bevorstehende Europawahl. Nationalistische Tendenzen werden ja häufig mit der Angst vor Identitätsverlust begründet. Taugt Europa – trotz seiner kulturellen, sprachlichen und gesellschaftlichen Unterschiede – als alternatives Konzept von Heimat?
Das Besondere an Europa ist ja gerade seine Vielfalt. Der Reichtum an Sprachen, an Kultur und Religionen. Eine Politik, die der Vielfalt entgegensteht, ist anti-europäisch. Europapolitik darf kein Gegeneinander sein, auch kein Nebeneinander, sondern es muss ein Miteinander geben.

Was werden Menschen in 20 Jahren mit dem Wort Heimat verbinden?
In den 70er bis 90er Jahren war Heimat ein vergifteter, deutschtümelnder Begriff, verbunden mit Heimatduselei und schlechter Volksmusik. Doch seitdem ist vieles im Wandel. Selbst die Volksmusik ist politischer und kritischer geworden. Schon jetzt klingt für mich in dem Wort Heimat auch viel Modernes und Positives mit. Ich hoffe, dass das in 20 Jahren auch noch so sein wird.

Zur Person: Heribert Prantl

Der Jurist und Journalist Heribert Prantl war bis Februar 2019 Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Ressorts „Meinung“ bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) in München. Überregionale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine pointierten Leitartikel. Als Politikredakteur nahm der heute 65-Jährige vor allem die deutsche Rechtsstaatlichkeit immer wieder kritisch ins Visier und gilt da bei vielen als linksliberaler Vertreter seiner Zunft. Auch die Themen Heimat, Flucht und Asyl beschäftigten ihn im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit immer wieder. Zum März 2019 legte er seine administrativen Aufgaben bei der SZ nieder, bleibt aber weiterhin als Autor und Verfasser einer politischen Kolumne sowie wie mit einem regelmäßigen Videoblog für die Zeitung aktiv. 

Grüne Hüte und jahrhundertelange Tradition

Das macht die Harsumer Reiheleute aus

Konrad Steinmann, Bildmitte, bei seiner Schützenrede am Harsumer Thieplatz am Sonntag vor einer Woche. Beim jährlichen Schießen der Reiheleute dürfen sich die drei „Besten Männer“ mit Eichenlaub-verzierten Hüten schmücken. Steinmann ging in diesem Jahr leer aus. Foto: Chris Gossmann

Konrad Steinmann, benannt nach seinem Vater Hans-Konrad und seinem Großvater Conrad, kann die Wurzeln seiner Familie bis 1680 zurückverfolgen. Und das sind nur die Ahnen, die er namentlich kennt. Denn sicher ist: die Familie Steinmann war auch schon 1367 bei der Schlacht von Dinklar dabei. Darauf sind sie heute noch stolz.

Wir waren ja nur die doofen Bauern“, sagt Konrad Steinmann und betont „doofen“ mit leicht ironischem Unterton. Man könnte denken, der 53-Jährige erzählt einen Schwank aus seiner Jugend, aber das Ereignis, von dem er da gerade in der ersten Person Plural berichtet, liegt 652 Jahre zurück: die Schlacht bei Dinklar.

Steinmanns „Wir“ meint die Harsumer Reiheleute, jene 112 mutigen Männer, die damals dem Fürstbischof von Hildesheim im Kampf gegen den Hochadel zu Hilfe eilten. „In Unterzahl haben wir die Allianz der Welfen geschlagen“, fährt Steinmann fort. 4000 bis 5000 Kämpfer des Herzogtums sollen es gewesen sein gegen ein paar hundert auf Seiten des Bischofs. Der Harsumer Smett, also Schmied, so wird es berichtet, warf sich dabei mit besonderer Inbrunst in die Schlacht. „So ist jedenfalls unsere Überlieferung.“

Mitglied durch Geburt

Mit diesem Satz kehrt Steinmann vom historischen Schlachtfeld bei Dinklar und Farmsen in die Gegenwart zurück. In der ist er Vorsitzender eines anderen „Wir“, der immer noch 112 Reiheleute nämlich, die aber natürlich längst die Nachkommen der damaligen Kämpfer sind. Und übrigens zu weiten Teilen keine Bauern mehr, weder doofe noch sonst irgendwelche. Vielleicht noch ein Dutzend von ihnen sind Landwirte, Steinmann selbst hat den Beruf immerhin noch gelernt. „Mein Vater war Landwirt und ich hätte den Hof eigentlich übernehmen wollen, doch dann ist mein Vater verunglückt und wurde zum Pflegefall. Das hat meine Pläne über den Haufen geschmissen.“ Konrad Steinmann wurde Polizist und ist inzwischen ganz froh darüber, hat er doch in den Bereichen Organisierte Kriminalität und inzwischen in der Drogenbekämpfung beim Landeskriminalamt ganz gut Karriere gemacht.

Was er aber vor 24 Jahren übernommen hat von seinem inzwischen verstorbenen Vater, ist der Vorsitz über den Zusammenschluss der Reiheleute, der ganz bewusst kein Verein ist, denn man kann dort nicht Mitglied werden. Außer durch Geburt – und auch dann sollte man zusehen, tunlichst ein Sohn zu werden, und zwar der erste. Jedenfalls wenn man beim traditionellen Schießen dabei sein will. Einmal im Jahr treffen sich die Ahnen der heldenhaften Bischofsretter und küren ihre drei „Besten Männer“. So nennen sie sich auch in ihrer Vereinigung: „Wir Männer mit den grünen Hüten“. Ein ganz besonderer Ehrentitel.

Die Generationen der Steinmanns

Konrad Steinmann

„Man kann das Schießrecht auch durch Erwerb einer Reihestelle erhalten“, sagt Steinmann, doch in seiner Stimme schwingt mit, dass das nicht das gleiche ist. Die wahren Reiheleute können ihre familiären Wurzeln über Jahrhunderte zurückverfolgen. So lange sitzen sie schon auf ihren kleinen oder weniger kleinen Stückchen Harsumer Heimatland, dass sich Reihestelle nennt. Im Grunde ein anderes Wort für Hof-stelle plus Ackerland, allerdings gibt es mehr Reihestellen als Reiheleute, weil einige mehrere Grundstücke besitzen.
Die Generationen der Steinmanns, liebevoll in einem handgemalten Stammbaum verewigt, sind bis ins Jahr 1680 zurück namentlich bekannt. Aber in Wahrheit war die bäuerliche Hofstelle am Harsumer Thieplatz wohl schon viel früher in Familienbesitz – mindestens seit der Schlacht von Dinklar eben, sonst wären sie ja keine echten Reiheleute.

Doch dass sie das sind, daran besteht kein Zweifel, wenn man Konrad Steinmann so reden hört. Zahlen, Daten, Fakten und Anekdoten zur Geschichte des Ortes sprudeln nur so aus ihm heraus, er redet so schnell, als ob er fürchten müsste, beim ersten Luftholen unterbrochen zu werden und nie wieder zu Wort zu kommen.

Traditionelles Schießen

Seit er 15 war, durfte er mitschießen, damals noch mit dem Luftgewehr. Inzwischen wird mit Kleinkaliber geschossen, das Mindestalter wurde auf 18 hochgesetzt. 55 bis 60 aktive Schützen sind noch in jedem Jahr dabei, um traditionell ihre Hüte auszuschießen. Und sich hin und wieder mit der Hildesheimer Schützengesellschaft zu messen – den Erben der bischöflichen Streitkräfte quasi, mit denen die Reiheleute damals Seit’ an Seit’ gegen die Welfen in die Schlacht zogen. Nur dass die Schützengesellschaft ein Verein ist, und jeder dort mitschießen kann, auch ohne historischen Ahnennachweis.

Harsum ist für den 53-Jährigen weit mehr als der Ort, in dem zufällig sein Elternhaus steht. Harsum ist seine Heimat, durch und durch. Ja, er hat auch schonmal woanders gelebt, in Hessen, wo er zur Polizeischule ging. Und manchmal träumt er davon, mit seiner Frau auf die Kanaren zu ziehen und dort seinen Lebensabend zu verbringen. „Aber so drei, vier Monate im Jahr würde ich auf jeden Fall immer nach Harsum kommen, anders halte ich das gar nicht aus.“

Corvin statt Konrad

Zwischendurch läuft Steinmann raus, um alte Wahllisten zu suchen – dass Harsum seinen Pfarrer fortan selbst wählen durfte, war nach der Schlacht von Dinklar der Dank des Bischofs an die Bauern. Die ältesten, in teils kaum lesbarer Handschrift verfassten Unterlagen, die Steinmann aufbewahrt, datieren von 1865 – sein Familienname taucht immer wieder auf. Inzwischen teilt sich Harsum die katholische Pfarrstelle mit Algermissen und Asel, und obwohl die Kirche selbst auch eine Reihestelle hat, kann der derzeitige Pastor Stefan Bringer der Schützentradition wenig abgewinnen. „Er findet, wir glorifizieren die Schlacht“, sagt Steinmann, der seinen Familienstolz zwar in der Tat aus dem historischen Ereignis zieht, das aber doch immer ein bisschen augenzwinkernd tut.

Im Jahr 1022 wurde Harsum unter dem Namen „Hardessem“ erstmals urkundlich erwähnt, heute hat der Ort rund 5200 Einwohner. Ein paar davon steuern die Steinmanns bei. Mit seiner zweiten Frau hat Konrad Steinmann einen Sohn, beide haben außerdem jeweils zwei weitere Kinder aus erster Ehe – eine große Patchwork-Familie. Auch Steinmanns erste Frau wohnt noch in Harsum, die Kinder wechseln zwischen den Elternhäusern hin und her. Alles kein Problem, sagt Steinmann. Nur das mit der Tradition, das ist nicht immer so ganz einfach.

Als sein ältester Sohn geboren wurde, beendete Vater Steinmann die Konrad-Serie der jeweils erstgeborenen männlichen Nachfahren („ich finde diesen Namen furchtbar“) und nannte das Kind lieber Corvin. Corvin also, der im Juni 18 wird, erbt die Schießerlaubnis der Reiheleute – und freut sich schon drauf. Ob er aber auch die Reihestelle Am Thie 1 in Harsum übernehmen und als Mann mit Hut in die Geschichte des Ortes eingehen wird, das ist noch zu früh zu sagen.

276335

Einwohner hat der Landkreis Hildesheim laut jüngster Erhebung des Statistischen Landesamtes.

742

aus diesem Jahr stammt die älteste urkundliche Erwähnung eines Ortes im Landkreis: Es handelt sich um die Siedlung Föhrste, damals noch unter dem Namen „Woreste“.

Sie trägt Rössing im Namen – und Guayaquil im Herzen

So kam Tita von Rössing in ihrer neuen Heimat an

Die gebürtige Ecuadorianerin Tita von Rössing hat eingeheiratet in eine der alteingesessensten Familien der Region und war lange Bürgermeisterin des Ortes, dessen Name nun auch ihrer ist. Ihre beiden Heimaten betrachtet sie zugleich mit Innen- und mit Außenblick.

Wie viele Zimmer ihr Schloss hat? Wie viele Quadratmeter? Carlota Freifrau von Rössing und von Hugo weiß es nicht. Für sie ist es einfach ein großes Haus. „Zu groß, eigentlich. Man kann das gar nicht alles bewohnen. Oder auch nur heizen.“ Für das Gespräch zum Thema Heimat hat sie deshalb in die ehemalige Mühle eingeladen, ihr „Ferienhaus“, wie sie scherzhaft sagt. Mit Blick auf das Schloss zwar, aber nicht so pompös. Denn das Pompöse, Dünkelhafte, soviel wird auf Anhieb deutlich, ist ihre Sache sowieso nicht.
Am Telefon meldet sie sich mit „Rössing“, wer sie duzt, sagt Tita zu ihr, die spanische Koseform von Carlota. Ein Spitzname, den sie einem ihrer drei Brüder verdankt. Tita von Rössing, Ortsbürgermeisterin von Rössing, so gehörten sie lange zusammen, Adelstitel, Ort und Amt. Bis die 54-Jährige im Januar für viele überraschend nach 13 Jahren ihr Mandat niederlegte. „Nach dem Unfalltod meines Mannes vor anderthalb Jahren musste ich mich völlig neu sortieren und auch den landwirtschaftlichen Betrieb übernehmen. Alles ging dann einfach nicht mehr.“

Und doch trägt sie Rössing nicht nur im Namen. Das 1600-Einwohner-Dorf ist ihr eine Heimat geworden, wenn auch eine zufällige, ungeplante. Und bei aller Liebe zum Hildesheimer Land auch immer noch die, die wenn sie an das Wort Heimat denkt, erst an zweiter Stelle kommt.

Mit 18 kam sie aus Ecuador nach Deutschland mit dem Ziel, hier eine Ausbildung zu machen und dann wieder zurückzugehen. In Ecuador wollte sie mit behinderten Kindern arbeiten, ungewöhnlich in dem südamerikanischen Land. „Solche Kinder hielt man damals eher versteckt.“ Nur zufällig hatte sie bei Bekannten einen Jungen mit Trisomie 21 kennengelernt, daraus entstand das Bedürfnis, solchen Kindern zu helfen. Doch in Ecuador gab es dafür keine passende Ausbildung.
Sie begann ein sozialpädagogisches Studium in Hamburg und stellte schnell fest, dass das in Südamerika „aber wirklich zu gar nichts zu gebrauchen“ wäre.

Stattdessen zog sie nach Berlin, wo sie eine Ausbildung zur Krankengymnastin begann. Und dabei eine Mitschülerin kennenlernte, von der sie über Weihnachten eingeladen wurde. Nach Rössing nämlich, in dieses Schloss, in dessen Garten sie nun auf einem Baumstamm sitzt, in Turnschuhen, Jeans und einer sportlichen Bluse, und ihren Hund streichelt. Weil der sowieso mal gestreichelt werden muss, aber auch, weil der Fotograf das gesagt hat. „Beine überschlagen, echt jetzt? Das ist aber unbequem auf so nem Holzklotz“, sagt sie, lacht, und macht es trotzdem.

Liebe auf den ersten Blick, Heimat auf den zweiten

Im Rössinger Schloss an jenem Weihnachten vor 30 Jahren lernte sie den Bruder ihrer Berufsschulfreundin kennen. Es muss die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Nach 48 Stunden war zwischen ihnen alles klar. „Er war dann fast ein bisschen beleidigt, dass ich über seinen Verlobungsantrag erstmal eine Stunde nachdenken musste.“ Nicht seinetwegen, wie Tita von Rössing betont. „Sondern weil mir in dem Moment klar wurde: Wenn ich diesen Mann heirate, werde ich nicht wieder nach Ecuador zurückkehren.“

Und so kam es dann auch. Alexander Freiherr von Rössing, dessen Stammbaum sich bis ins zwölfte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, dessen Wasserschloss im 15. Jahrhundert erbaut wurde, dessen Ländereien unverrückbar im Landkreis Hildesheim liegen und dessen Name für immer untrennbar mit diesem kleinen Ort in der Gemeinde Nordstemmen verbunden ist, war einfach „auf gar keinen Fall exportabel“, wie seine zukünftige Ehefrau schon damals erkannte. „Eine Stunde, um mich für ihn und gegen meine Heimat zu entscheiden, nachdem wir uns zwei Tage kannten? Ich finde das nicht wirklich viel.“

Plötzlich Schlossherrin also. Doch Tita von Rössing wirkt nicht so, als ob man sie mit ein bisschen altem Gemäuer großartig beeindrucken kann. Als Repräsentantin einer Adelsfamilie, sagt sie, fühle sie sich bis heute nicht. Und das, obwohl sie von Hause aus sogar selbst ein „von“ im Namen trägt. Doch in Ecuador lebte – und lebt – ihre deutschstämmige Familie in sehr bürgerlichen Verhältnissen: ein schlichtes Einfamilienhaus in einem ganz normalen Wohnviertel der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Guayaquil. Da spielte der Titel nie eine Rolle. „Und mein Vater hat mir schon früh mit auf den Weg gegeben, dass der ohnehin nicht wichtig ist. Sondern es allein das Handeln ist, das zählt.“

Nach ihrem „Ja“ zu Alexander von Rössing habe sich ihr Blick auf Deutschland fundamental verändert, resümiert die 54-Jährige rückblickend. „Bis dahin hatte mir Ecuador nie gefehlt, weil mir immer klar war, dass ich dorthin wieder zurückgehen würde. In Deutschland aber war ich genau deshalb auch nach sechs Jahren noch gar nicht richtig angekommen.“ Doch mit dem Moment der Verlobung fing sie an, die Umgebung und die Menschen um sich herum ganz anders wahrzunehmen.

Die Rössinger machten es ihr leicht. „Ohne jegliche Anstrengung“ hatte Tita von Rössing von Anfang an das Gefühl, dazuzugehören. Was ihr dabei geholfen hat, waren die vielen Kontakte über ihre Kinder. Vier insgesamt wurden es über die Jahre, die älteste Tochter ist heute 29 Jahre alt. Und wohnt inzwischen wieder im Schloss, mit ihrem Mann zusammen und bald auch mit dem ersten Namensträger derer von Rössing der nächsten Generation.

Es ist nicht der Adel, der verpflichtet

Tita von Rössing dürfte es ihrerseits den Rössingern auch nicht allzu schwer gemacht haben, mit ihr warm zu werden. Denn sie brauchte nicht erst den Adelstitel, um sich zu gesellschaftlichem Engagement verpflichtet zu sehen. Schon als Schülerin in Ecuador hatte sie im Rahmen eines Schulprojektes fünf Kindern das Lesen und Schreiben beigebracht. Und bis heute ist sie davon überzeugt, dass man vieles bewegen kann, indem man Zeit investiert, und gar nicht unbedingt Geld. Das lebt sie vor. Wenn man versucht, sich mit Tita von Rössing zu verabreden, muss man erst ein kleines Schlupfloch finden in ihrem vollen Terminkalender. Und dann sagt sie doch noch ab, weil sie sich just an dem Tag um ein behindertes Kind kümmern möchte. „Das ist mein fester Termin, den kann ich nicht ausfallen lassen.“

Pflichtbewusstsein, das Wort fällt ihr als erstes ein, wenn man sie nach ihren typisch deutschen Eigenschaften fragt. Im Grunde nur deshalb sei sie 2006 auch Ortsbürgermeisterin geworden: „Politik ist absolut nichts, was ich mir freiwillig aussuchen würde.“ Aber als der scheidende CDU-Ortsbürgermeister Peter Winkler sie fragte, ob sie nicht kandidieren wolle, sah sie darin eine Chance, dem Dorf, das sie so wohlwollend aufgenommen hatte, etwas zurückzugeben.

Zu ihren Engagement für Rössing gehört auch, dass sie sich für einen Dorfladen stark gemacht hat, der „immer noch nicht so richtig gut läuft, aber er läuft.“ Eine Einkaufsmöglichkeit mit Kaffee-Ecke als Treffpunkt gedacht, der verhindern soll, dass Rössing zum reinen Schlafdorf wird, in dem die Menschen den Kontakt zu ihren Nachbarn verlieren. „Dass man sich untereinander kennt und miteinander spricht, hat ja irgendwie auch viel mit Heimat zu tun.“

Tita von Rössing hat bis heute zwei Pässe – wie alle ihre Kinder auch – und betrachtet es als Luxus, zwei Heimaten zu haben. Wie ein Netz mit doppeltem Boden sei das, zwei Bezugspunkte, die ihr Halt geben. „Aber anders, als Menschen, die ihr Herkunftsland unfreiwillig verlassen, habe ich ja auch jederzeit die Möglichkeit, nach Ecuador zu reisen.“

Einmal im Jahr macht sie das, besucht ihre Eltern und Brüder, nimmt ihre Kinder mit oder mal ein paar Rotary-Freundinnen. Auch ihr Mann hat sie häufig begleitet und dafür gesorgt, dass Tita von Rössing, Geborene von Campe, ihre alte Heimat mit seinen Augen sah. „Es macht wirklich einen Unterschied, jemanden an seiner Seite zu haben, für den dort alles neu und anders ist.“ Dauerhaft zurückzukehren, das kann sie sich aber nicht mehr vorstellen. „Dafür bin ich hier inzwischen zu verwurzelt.“

Als Alexander von Rössing im Juni 2017 bei einem Unfall starb, stand über aller Trauer plötzlich auch die Frage: Wie sollte es jetzt weitergehen? 230 Hektar Land gehören zu dem herrschaftlichen Anwesen. Und alles, was Tita von Rössing bisher damit zu tun gehabt hatte, war, dass sie ihrem Mann hin und wieder mal ein Mittagessen auf den Acker gebracht hatte. Dazu das Schloss selbst, mit seiner unbekannten Zimmerzahl, Anlaufstelle für die große und weitverzweigte Familie, unmöglich aufzugeben. „Aber nur, weil man ein Schloss besitzt, heißt das ja nicht, dass man auch das passende Bankkonto dazu bekommt“, sagt Tita von Rössing.

Land ist mehr als eine Fläche

Noch im ersten Schock nach der Todesnachricht bot einer ihrer Söhne sofort an, seine Zelte in Stuttgart abzureißen und nach Rössing zurückzukehren, um den Betrieb zu übernehmen. „Aber das wollte ich nicht.“ Schon viel früher hatten die Eltern besprochen, dass losgelöst von der traditionellen Erbfolge nicht automatisch der älteste Sohn die Besitztümer übernehmen sollte. Sondern dasjenige ihrer Kinder, das am meisten Interesse daran hätte. Aber das ließ sich in einer solchen emotionalen Ausnahmesituation nun wirklich nicht ermitteln. Also arbeitet sich Tita von Rössing seitdem selbst in die landwirtschaftliche Betriebsführung ein.
Und wenn man so darüber nachdenkt, ist das vielleicht etwas, das über die ganz persönliche Geschichte von Tita von Rössing hinausgeht: Dass in dem kleinen Wörtchen Land, in all seinen Bedeutungen, vieles von dem zusammenfließt, was Heimat ausmacht. Der Landbesitz. Das Ackerland. Die Heimaterde. Das Heimatland.

 

 

104.230

Einwohner hat die Stadt Hildesheim nach letzten Erhebungen.

13.805

Personen mit Hauptwohnung in Hildesheim haben keine deutsche Staatsbürgerschaft.

7747

Personen haben zusätzlich zur deutschen Staatsbürgerschaft eine weitere
Quelle: Stadt Hildesheim

9944

Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben im Landkreis Hildesheim. 1.149 von ihnen stammen aus Polen, 1.006 aus der Türkei, 972 aus Syrien. Doppelte Staatsbürgerschaften werden hier nur auf Gemeindeebene erhoben.
Quelle: Landkreis Hildesheim

 

Sie hat Wurzeln in Pommern –
aber ihre Heimat ist hier

Friederike Elbeshausen - Tochter einer Vertriebenen

„Wir haben Monate daran gearbeitet“: Friederike Elbeshausen mit ihrer selbst genähten Pommern-Tracht. Foto: Christian Harborth

Friederike Elbeshausen ist die Tochter einer Vertriebenen – und mit dem Geschmack von pommerschen Hefeklößen aufgewachsen. Ihre Heimat ist Rössing – und Pommern weit weg. Trotzdem gibt es gefühlsmäßig eine Verbindung.

Als Friederike Elbeshausen noch ein Kind war, standen die dampfenden Klöße noch regelmäßig auf der Speisekarte der Familie. Dieses typische pommersche Gericht aus Mehl, Zucker und der in lauwarmer Milch aufgelösten Hefe, die später noch ein wenig im Milchtopf ziehen musste, ehe sie auf den Tisch kam. Bei anderen gab es vor allem Kartoffeln. „Bei uns Hefeklöße nach dem pommerschen Rezept meiner Mutter“, erinnert sich die 56-Jährige.

Nach dem Rezept der Mutter? Ursula Köhler wurde vor 85 Jahren als Ursula Gottschalk in Gramenz im ehemaligen Kreis Neustettin geboren. Heute ist der Ort ein Teil Polens. Damals war es Pommern und gehörte zu Deutschland. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Und anschließend die Vertreibung. Ursula Köhler ist eine Vertriebene. Doch was ist mit ihrer Tochter Friederike? „Ich habe mein ganzes Leben in Rössing verbracht“, sagt sie – und muss dann lange nachdenken.

„Habe mir alles angesehen“

Bei ihrer Mutter habe sie den Eindruck, dass die alte Heimat mit jedem verstrichenen Lebensjahr wichtiger wird. Dass, um es auszusprechen, vielleicht Pommern heute sogar mehr Heimat sei als Rössing. Obwohl die Mutter Pommern schon als Heranwachsende verließ. Aber die Tochter selbst? Die Nachgeborene? Die Frau, die nur einmal in Neustettin unweit der Ostsee unterwegs war, um sich selbst einen Eindruck von der Heimat ihrer Mutter zu verschaffen? „Ich war dort, und habe mir alles angesehen“, sagt sie. „Pommern ist wunderschön, aber meine Heimat ist trotzdem hier in Rössing.“

Friederike Elbeshausen beugt sich über ein gebundenes Fotoalbum mit lauter Urlaubsimpressionen. „Pommern Oktober 2010“ ist auf der Titelseite zu lesen. Darunter ist eine Kirche zu sehen. „Ich glaube, es war die Kirche in Bublitz“, sagt Elbeshausen und blättert weiter. Die Bilder zeigen ihre Familie ganz entspannt im Urlaub. Heute gehören die Ortschaften alle zu Polen. Bublitz etwa heißt jetzt Bobolice.

Gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer Schwester Bettina und den gemeinsamen Männern und Kindern waren sie vor neun Jahren dorthin gereist, wo ein Teil der Familiengeschichte vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Anfang nahm. Ursula Köhler war hier 1933 auf die Welt gekommen. Später wurde die Familie vertrieben.

Torpediert und gesunken

Mit der Vergangenheit und der Familiengeschichte immer verbunden: Friederike Elbeshausen vor ihrer Foto-Wand.

Die Flucht nach Westen, die vielen Entbehrungen, der Hunger, die Krankheiten – was Vertriebene und Flüchtlinge aus diesen Tagen erzählen, ähnelt sich meistens. Bei Ursula Gottschalk kommt hinzu, dass sie zunächst einen Platz auf einem Flüchtlingsschiff hatte – das dann aber in letzter Minute doch noch ohne sie ablegte. Glück im Unglück, muss man rückblickend sagen: Das Schiff voller Flüchtlinge wurde auf seinem Weg über die Ostsee torpediert und sank.

Sie landete in Wrisbergholzen, 1961 heiratete sie Heino Köhler und zog nach Rössing. Hier wurde Tochter Friederike wenig später geboren. „Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht“, erzählt die Tochter. Und trotzdem war da auch noch etwas anderes.

Etwas, das mit dem Geschmack von Hefeklößen zu tun hatte. Und damit, dass Peter Winkler Ende der 1970er-Jahre einen Ableger der Deutschen Jugend des Ostens (DJO) in Rössing gründete. Die Abkürzung ist geblieben, aber statt „des Ostens“ nennt sich die Vertriebenen-Organisation heute politisch korrekt „in Europa“. „Ich war zwölf Jahre alt, als ich in die Volkstanzgruppe der DJO eintrat“, erinnert sich Elbeshausen. Seit wenigen Tagen leitet sie die Ortsgruppe sogar als Nachfolgerin von Winkler.

Die Original-Pommerntracht

Die Tanzgruppe hatte schon vor Jahrzehnten gute Erfolge. Es gab sogar Auftritte im Fernsehen. „Anfangs tanzten wir in Jeans und T-Shirt“, erzählt Elbeshausen. „Später nähten wir uns Trachten.“ Ihre eigene hat sie über die Jahrzehnte vor der Altkleidersammlung bewahrt. „Wir haben Monate daran genäht“, erinnert sie sich und streicht über den schweren Möbelstoff, der den oberen Teil schmückt. „Es ist eine Original-Pommerntracht.“ Alte Fotos zeigen sie bei Veranstaltungen in der Tracht. Manchmal auch beim Tanzen.

Doch das Tanzen in Tracht ist das eine. Eine tiefe Verbindung nach Pommern wäre etwas anderes. Aber diese tiefe Verbindung existiert bei Friederike Elbeshausen nicht. „Ich tanze, weil ich damit groß geworden bin“, sagt sie. Es sei kein Ausdruck einer besonders intensiven Pommern-Liebe.

Dazu passt auch, dass Friederike Elbeshausen zwar die Rössinger DJO leitet. „Aber im Bund der Vertriebenen bin ich nicht“, sagt sie. Und dann kommt sie doch noch einmal auf den Heimatbegriff zurück. Denn die einstige Provinz Preußens gehöre vielleicht nicht dazu. „Aber die DJO ist für mich schon ein Stück Heimat.“ Sie habe einen großen Teil ihrer Jugend in der Organisation verbracht.

 

 

1,3

Millionen Menschen sind heute noch im Bund der Vertriebenen organisiert. Sie sind Mitglieder in den rund 6000 regionalen Gliederungen und den über 1000 Heimatkreisvereinigungen sowie Heimatortsgemeinschaften. Die Mitgliedschaft ist dabei nicht mehr auf Vertriebene beschränkt.

12 bis 14

Millionen Deutsche wurden geschätzt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches vertrieben oder flohen aus eigenen Stücken zwischen 1945 und 1950.

3000

Mitglieder hat der Neisser Kultur- und Heimatbund, der seinen Hauptsitz in Hildesheim hat. Der Verein gibt ein dreimal im Jahr erscheinendes Heimatblatt mit kulturhistorischen Beiträgen sowie ausführlichen Familiennachrichten heraus. Der Verein betreibt auch das Neisser Archiv und Heimatmuseum im ehemaligen Waffenschmiedehaus am Gelben Stern 21.

Drei Sportler und ihr besonderes Gefühl von Heimat

Gideon O’Donnell, Itamar Stein und Carina Aselmeyer

„Ich finde es ganz cool, dass ich ein halber Engländer bin“

Manchmal können auch zehn Quadratmeter zur Heimat werden – oder zumindest Heimatgefühle auslösen. Gideon O‘Donnell schließt die Tür zur Gartenlaube auf dem elterlichen Grundstück in Bavenstedt auf und nimmt entspannt auf einem bequemen Sofa Platz.

Der komplette Raum ist mit roten Fahnen, Schals, Bannern und Fotos dekoriert. Der 24-Jährige trägt ein knallrotes Trikot. „Liverpool ist für mich Heimat“, erklärt er. Und wer seine Wurzeln in der Beatles-Stadt hat, der liebt den FC Liverpool. Oder den FC Everton. Aber das ist eine andere Geschichte. „Mein Großvater und mein Vater sind in Liverpool geboren“, erzählt Gideon O‘Donnell. Beide sind glühende Verehrer der „Reds“. So wird die Mannschaft genannt. „Mir selbst wurde die Fan-Leidenschaft in die Wiege gelegt“, sagt Gideon O’Donnell, der selbst Fußball spielt: In der Jugend beim SV Bavenstedt, später beim SV Einum – und aktuell beim Bezirksligisten 1. FC Sarstedt.
Sein Großvater war früher als britischer Soldat in Hildesheim stationiert. Zwischendurch lebte Brian O’Donnell noch einmal vier Jahre in Liverpool, wo sein Sohn Michael zur Welt kam, dann ging es wieder nach Hildesheim. Gideon O‘Donnell sowie seine Brüder Kevin und Connor wurden in Hildesheim geboren, ihre Mutter Careen ist Deutsche.
„Ich finde es ganz cool, deutsche und englische Wurzeln zu haben, und dass ich ein halber Engländer bin“, sagt Gideon. Das wollte er sogar schriftlich haben. „Zum 18. Geburtstag habe ich mir einen englischen Pass gewünscht.“ Seine Eltern erfüllten ihm die Bitte. „Seitdem habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft“, erzählt er stolz.
Tut es da nicht weh, dass sich die Engländer aus der Europäischen Union verabschieden wollen? „Das Ganze ist eine ziemlich überzogene und aufgeheizte Geschichte“, meint der Student (Internationales Kommunikations-Management). „Politik ist nicht mein Fachgebiet, aber es wäre wohl besser, wenn England in der EU bleiben würde.“
An Heimatgefühlen können Brexit und Politikdebatten ohnehin nicht rütteln. „Hildesheim wird immer meine erste Heimat sein“, sagt Gideon O‘Donnell. „Hier bin ich geboren, hier lebe ich, hier sind meine Familie, Freunde und Fußballkollegen. „Aber Liverpool und die Reds werde ich immer in meinem Herzen tragen“, sagt der Hildesheimer. Und auf der Haut, wie einige Tattoos verdeutlichen. Liverpool-Spiele werden bei den O’Donnells förmlich zelebriert. In Reih’ und Glied sitzt dann die ganze Familie vor dem Fernseher und fiebert mit. Gideon lächelt: „Was nach dem 4:0-Sieg in der Champions League gegen Barcelona bei uns los war, erzähle ich lieber nicht.“ Natürlich wäre er noch lieber im Stadion an der Anfield Road gewesen. Aber Liverpool ist nicht mal eben um die Ecke.
Wenn er die Verwandten im Nordwesten Englands besucht, dann sei da dieses besondere Gefühl. Ein Heimatgefühl? „Ja“, sagt er. „Obwohl ich selten dort bin.“ Aber es gibt ja noch die Laube in Bavenstedt.

„Die Schweiz ist mir ans Herz gewachsen“

Vielleicht ist Carina Aselmeyer noch zu jung, um zu bleiben. „Die Schweiz ist mir ans Herz gewachsen“, sagt die 26-jährige Handballerin. „Ich liebe das Land und die Leute.“ So sehr, dass sich die gebürtige Dingelberin sogar den Dialekt angeeignet hat. Man hört es deutlich am Telefon. Trotzdem wird sie die Schweiz, Freunde und Teamkolleginnen nach vier Jahren verlassen. „Mit gemischten Gefühlen“, bekennt Carina Aselmeyer. „Aber es war schon immer mein großes Ziel, in Deutschland in der 1. Bundesliga zu spielen. Dieser Wunsch wird sich nun erfüllen. Der VfL Oldenburg wollte sie haben. „Da musste ich nicht lange überlegen“, erzählt die Kreisläuferin. Sie sagte zu.
Auch wenn ihr der Abschied aus der Schweiz nicht leicht fällt, hat der Wechsel neben der sportlichen Per-spektive einen weiteren großen Vorteil: „Bald bin ich wieder näher bei meinen Eltern und Verwandten in Dingelbe und kann sie öfter besuchen.“ Denn eines sei klar: „Heimat ist vor allem da, wo man geboren wurde. Wo die nächsten Angehörigen leben. Und wo man Weihnachten und Ostern feiert.“
Carina Aselmeyer sagt: „Es fühlt sich für mich richtig an, jetzt nach Oldenburg zu wechseln. Genauso, wie es sich vor vier Jahren richtig angefühlt hat, in die Schweiz zu gehen.“ Nach einigen Jahren bei deutschen Zweitligaklubs war der Wechsel zum Schweizer Erstligisten Yellow Winterthur der nächste sportliche Karrieresprung. Später wechselte sie zu den Spono Eagles Nottwil. Mit dem Klub wurde sie 2018 Meister, Pokalsieger und Supercupsieger. 2019 wiederholte das Team den Pokalsieg. „Wenn man Erfolg hat, entsteht natürlich eine besondere Bindung zur Stadt, dem Verein und zu den Menschen“, sagt Aselmeyer. „Auch, als ich wegen einer Fußverletzung länger nicht spielen konnte, wurde ich toll unterstützt.“
Als junge Profisportlerin muss man flexibel sein und sich auf neue Umgebungen und Situationen einstellen können. Aselmeyer ist überzeugt: „Ich werde auch in Oldenburg zurechtkommen. Ich will mich dort sportlich durchsetzen.“ Sie ist neugierig auf neue Menschen und Städte. Ihre derzeitige Mitbewohnerin geht nach Paris. „Sie heißt Lea Schüpbach und ist Schweizer Nationalspielerin“, erzählt Aselmeyer. Sie hat mit mir hier bei beiden Vereinen gespielt und ist zu einer sehr guten Freundin geworden.“ Sie werden sich vermissen. Aber die digitale Welt habe auch Vorteile, bemerkt Aselmeyer. „Wir bleiben in Kontakt und werden uns sicher auch mal besuchen.“
„Irgendwann“, sagt Aselmeyer, möchte sie ankommen und sesshaft werden. Wo? Das könne sie noch nicht sagen. Nach einer kurzen Pause ergänzt sie: „Vielleicht in der Schweiz.“

„Meine Kindheit in Israel war unbeschwert“

Wenn er an Israel denkt, beginnen seine Augen zu leuchten. Itamar Stein, Trainer des Volleyball-Erstligisten Helios Grizzlys Giesen, kam 1983 in Haifa im Norden Israels zur Welt. „Es gibt eine bestimmte Stimmung im Land. Darauf freue ich mich, wenn ich meine Heimat besuche: auf Sonne, Strand, viel Natur, Kultur und Multikultur. Und auf die Leute. Sie haben viel Temperament.“
Steins Mutter ist gebürtige Israelin, der Vater stammt aus Polen. Mit 21 ging der heute 36-Jährige als Volleyballspieler erstmals ins Ausland. Er spielte drei Jahre in den Niederlanden und vier in Frankreich, seit 2012 ist er in Deutschland. Seine Stationen: Bottrop, Moers, Coburg und Hildesheim (seit 2016).
Das Leben eines Profisportlers oder Trainers ist oft ein Wanderleben. Stein gibt zu: „Es ist schwierig und manchmal auch frustrierend. Nicht in jedem Ort, in dem wir lebten, konnten wir ein Zuhause-Gefühl entwickeln.“
In Hildesheim sei das anders: „Sehr schnell haben wir die schönen Ecken entdeckt und lernten Menschen kennen, die uns bei der Integration halfen und uns das Gefühl gaben, willkommen zu sein.“ Der Volleyball-Trainer sagt klipp und klar: „Hildesheim ist unser Zuhause.“ Itamar Stein und seine Frau Thereza, eine Tschechin, haben zwei Kinder. Mia wurde 2013 in Bottrop geboren, Matteo 2017 in Hildesheim.
Aber wie fühlt man sich als Kind in Israel, einem Land, das der ständigen Bedrohung seiner Nachbarländer ausgesetzt ist – in dem es hässliche Kriege und Anschläge gab? „Meine eigene Kindheit war unbeschwert“, berichtet Stein. „Ich bin in einem Kibbuz im Norden Israels groß geworden. Wir Kinder hatten viele Freiheiten. Es gab viel Grün, keine Autos und viel Platz. Wir waren immer draußen und haben gespielt.“
Und die Konflikte? „Davon haben wir nur gehört. Direkt bei uns gab es keine.“ Aber es habe schon bedrückende Situationen gegeben. „Wir haben Bekannte verloren, aber als Kind hatte ich trotzdem nicht den Eindruck, dass im Land etwas falsch lief.“ Stein ergänzt: „In unserem Kibbuz hatten wir gute Beziehungen zu den arabischen Nachbarn. Einige waren unsere Freunde. Im Süden war das anders, etwa im Gazastreifen. Wir wussten, dass man in manche Gegenden nicht fahren sollte.“
Derzeit machen die Steins Urlaub bei Therezas Familie in Tschechien. Später geht es nach Israel zu Itamars Verwandten. Stein erklärt: „Wir sind eine internationale Familie, aber Israel wird für mich immer Heimat sein. Auch wenn ich das Land nur noch selten besuchen kann.“ Was wird die Zukunft bringen? Das ist eine Frage, die sich Thereza und Itamar Stein manchmal stellen. „Wir können sie noch nicht beantworten“, sagt der 36-Jährige. „Wir sind glücklich, wo wir jetzt sind. Das ist das Wichtigste.“

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